Bernhard C. Bünker: Der entwurzelte Heimatdichter

Aktualisiert: 29. Sept 2020

Ein Nachruf von Richard Weihs über Bernhard C. Bünker (14. 8. 1948 – 16. 7. 2010)



Bernhard C. Bünker: Der entwurzelte Heimatdichter


>Mit Empörung wurde von vielen Landsleuten die Schmähung jener Kärntner, die stolz darauf sind, die schöne Landestracht zu tragen, durch einen entwurzelten Schreiberling, der sich selbst taxfrei zu einem „Heimatdichter“ macht, registriert. Was bezweckt B. C. Bünker, Sohn eines angesehenen Kärntners, mit seinem Artikel gerade im slowenischen „Mladje“?


Es hat wohl keinen Sinn, sich mit Bünker jun. sachlich zu befassen, da die von ihm gebrauchten Worte abwandelnd, seine Gehirnmasse, die er unter seinem mit langen Haarsträhnen bewachsenen Skalp haben mag, pathologisch verändert sein dürfte, daß er den Trägern des Kärntneranzuges, also auch seinem leiblichen Vater, das baldige „Aussterben“ wünscht.

Wenn Herr Bünker glaubt, dass eine zerschlissene Blue jeans, ein verwaschenes Hemd, eine verschmierte amerikanische Armeejacke und verhatschte Schuhe ihn besser kleiden als ein Trachtenanzug, so ist das seine Sache. Wir aber, denen die Liebe zur Heimat ein ehrliches Anliegen ist und die auf Kultur etwas halten, werden trotz Bünker weiterhin mit Stolz den Kärntneranzug tragen.<

Dieser Leserbrief, verfasst vom Villacher Bezirksobmann des Kameradschaftsbundes, erschien im März 1979 in der „Kleinen Zeitung“. Der empörte Kamerad liefert uns damit dankenswerterweise nicht nur eine Beschreibung von Bernhard C. Bünkers äußerem Erscheinungsbild, sondern er zeichnet auch ein recht anschauliches Bild des kulturpolitischen Klimas im Kärnten der Siebzigerjahre, das den Dichter nachhaltig geprägt hat.

Bünker hat zeitlebens gegen deutschnationale Heimattümelei polemisiert – wohl wissend, dass er damit von einflussreichen Kreisen seiner Kärntner Heimat diffamiert und erbittert bekämpft werden würde. Er bezeichnete sich aber ganz bewusst als „Heimatdichter“ – was von seinen Gegnern völlig zu Recht als ganz besondere Provokation empfunden wurde. An ihre Adresse schrieb Bünker folgendes:


>Ein „Heimatdichter“ hat die Pflicht, auf den Dreck in der Heimat und die Verursacher desselben aufmerksam zu machen, wenn er in seinem Schreiben ehrlich und verantwortungsbewußt sein will. Nur dann hat er auch das Recht Poesie zu machen. Und das Recht auf Heimat und Poesie werde ich mir nicht nehmen lassen, auch auf die Gefahr hin, als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet zu werden und zwar gerade von denen, die ihre schmutzigen Geschäfte in unser aller Nest (Heimat) verrichten.<


Der erste Gedichtband Bünkers, erschienen 1975, hatte folgerichtig den Titel „De ausvakafte Hamat“. Ich erinnere mich noch gut an mein Aha-Erlebnis, als das Buch damals in der Ö3-Musicbox vorgestellt wurde: Es gab also auch Heimatdichtung fernab humoriger Mundart-Reimer und reaktionärer Blut-und-Boden-Verseschmiede! Hier hörte ich kritische Dialektgedichte über Naturzerstörung und andere Schattenseiten des ausufernden Fremdenverkehrs – und das in einer poetisch verdichteten Bildsprache, die ohne traditionelle Ansichtskarten-Klischees auskam.


Bünker lebte zu dieser Zeit schon in Wien, wo er Geschichte, Kunstgeschichte, Volkskunde und Philosophie studierte und dann den Beruf eines Religionslehrers ausübte. Dies machte ihn nicht nur finanziell von seinen kargen Einkünften als Dichter unabhängig, sondern hatte auch Familientradition: Sein Vater Otto war evangelischer Pfarrer (und ebenfalls Dichter), sein Bruder Michael wurde später sogar Bischof. Ehemalige Schüler berichten, dass der Unterricht bei ihm kurzweilig und unkonventionell war und sie die Zeit mit ihm sehr genossen haben.


Bernhard C. Bünker war zu dieser Zeit als Schriftsteller hochproduktiv: Er verfasste Gedichte, Liedtexte, Erzählungen und Satiren, aber auch Hörspiele und Fernseh-Drehbücher. Insgesamt sind zu seinen Lebzeiten vierzehn selbständige Publikationen erschienen, zumeist in Kärntner Verlagen. 1979 publizierte er gemeinsam mit dem Musiker Hans Pleschberger die Audio-Kassette „Vom Schteabn und Traurigsein“ – Lieder, Märchen, Balladen, Texte aus Kärnten.


Diese erschien als Nummer 2 der Reihe IDI-Ton des „Internationalen Dialekt Instituts“, das 1976 auf Initiative von Hans Haid als Verein gegründet worden war – Bünker war Gründungsmitglied. Und als dann der Verein „Österreichische DialektautorInnen“ entstand, wurde er sein erster Präsident. Er war auch die treibende Kraft bei der Entstehung der umfassenden und leider einzigartig gebliebenen „Dialekt-Anthologie 1970-1980“, die er gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Manfred Chobot herausgab. Und auch die Existenz dieser Zeitschrift Morgenschtean ist auf sein Wirken zurückzuführen.


Bünker war aber auch als Veranstalter tätig: Er gründete im gleichnamigen Beisl den Dialekt-Stammtisch „Beim Kovacic“, der sich dann im Lauf der zwanzig Jahre seines Bestehens zu einem Wanderstammtisch entwickelte, der in mehreren Lokalen gastierte – unter anderem auch im von mir hochgeschätzten Weinhaus Sittl. Auch ich bin auf seine Einladung hin dort aufgetreten und habe da auch eine ganze Reihe interessanter Dialekt-Autoren und Liedermacher kennengelernt.

Immer wieder habe ich auch Bernhards Lesungen besucht, von denen mir einige ganz besonders im Gedächtnis haften geblieben sind, auch wenn das nun schon lange her ist: Eine im Jahr 1977 in der Alten Schmiede, wo er mit dem damals als Liedermacher noch unbekannten Ludwig Hirsch auftrat. Und eine andere im Jahr 1992 im Wiener Literaturhaus, bei der er gemeinsam mit Gottfried Gfrerer das Kärntner-Blues Programm „Karntn is lei a Grobstan“ vortrug, das auch als Nummer 22 der Reihe IDI-Ton erschienen ist.


Neben seinen zahlreichen künstlerischen Aktivitäten war Bünker auch als politischer Mensch aktiv. Manfred Chobot berichtet von folgendem Vorfall: „Nachdem er entdeckt hatte, dass ein bekannter Neonazi bei derselben Bank wie er ein Konto hatte, schrieb er dem Bankchef einen Brief, in dem er darlegte, dass er nicht von einem Institut vertreten werden möchte, das sich auch um die Finanzen eines Neonazis kümmert. Da die Bank nicht das Konto des Neonazis stornierte, wechselte Bünker das Bankinstitut.“

Besonders nahe ging ihm die politische Entwicklung in seiner Kärntner Heimat – und diese führte schließlich auch zu seinem Ende als Dichter. Als Jörg Haider im Jahr 1999 zum zweiten Mal zum Kärntner Landeshauptmann gewählt worden war, meldete er seinen Kärntner Zweitwohnsitz bei seinen Eltern ab, zog ein zur Veröffentlichung beim Carinthia Verlag vorgesehenes Buchmanuskript zurück und forderte den ORF Kärnten auf, keine Beiträge mehr von ihm zu senden. An die IG Autorinnen und Autoren schrieb er dazu: „Es ist mir nicht leicht gefallen, meine Wurzeln aus der Kärntner Erde zu ziehen, aber sie stinkt mir doch zu sehr nach ‚Blut und Boden‘. Abgesehen davon bin ich es ein für allemal müde, mich für etwas schämen zu müssen, wofür ich nichts kann.“


Nach seinem literarischen Verstummen widmete sich Bernhard C. Bünker seiner zweiten großen Leidenschaft – dem Fischen. Er zog ins Waldviertel und wurde Fischerei-Aufseher am Ottensteiner Stausee. Viele Jahre waren ihm dort nicht vergönnt: Kurz vor seinem 62. Geburtstag starb er an Leberkrebs.


Da seine Werke inzwischen vergriffen sind, haben seine Freunde und Kollegen Axel Karner und Manfred Chobot dankenswerter Weise seinen 70. Geburtstag zum Anlass genommen, eine Auswahl seiner Gedichte unter dem Titel „Wos ibableibt“ herauszugeben – siehe dazu die Buchbesprechung von El Awadalla in diesem Heft. Schön wäre es aber auch, wenn die fix und fertig produzierte CD von Bünker und Gfrerer „Wonn du amol geast“, zu deren Veröffentlichung es leider nie gekommen ist, endlich aufgelegt werden würde.


Abschließend ein Zitat von Axel Karner: „Die Musikalität seiner Sprache und die Schönheit und Dichte seiner Bilder heben Bernhard C. Bünkers Poesie über jene seiner Zeitgenossen hinaus.“


Richard Weihs ist Autor, Musiker, Kabarettist und Lebenskünstler. Mehr über ihn

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