Sigi Maron 1944 – 2016

Aktualisiert: 29. Sept 2020

Ein Nachruf von Richard Weihs

Sigi Maron © APA/RUBRA


Jetzt ist auch der Sigi gestorben. Der Himmel samt Himmelvater hat ihm aber schon zu Lebzeiten gestohlen bleiben können. „Es gibt keinen Gott!“ hat er mit zarten 13 Jahren zu den geistlichen Schwestern im Wilhelminenspital gesagt, wo er wegen seiner Kinderlähmung behandelt wurde. „es gibt kan gott“ heißt auch die CD, mit der er sich 2010 nach langer krankheitsbedingter Abwesenheit wieder zurückmeldete. Es war damals eine große Freude, den Altmeister am Volksstimmefest erleben zu dürfen – noch dazu in Begleitung einer wilden jungen Reggae-Band, den „Rocksteady Allstars“.


Mich hat Sigi Maron mein ganzes erwachsenes Leben lang begleitet, beginnend vor 40 Jahren mit einem Auftritt in der legendären Schlachthof-Arena. Von da an war er überall anzutreffen, wo politisch etwas in Bewegung kam. Ich erinnere mich noch gut an seinen Auftritt bei der großen Anti-AKW-Demonstration in Zwentendorf: Ich sang den Götzzitat-Refrain seiner „Ballade von ana hoatn Wochn“ begeistert mit – bis ich merkte, dass mich eine neben mir stehende Dame im Lodenkostüm völlig entsetzt anstarrte.


Zur Zeit der Friedensbewegung in den frühen 80er-Jahren hat Sigi trotz seiner Behinderung ausgedehnte Tourneen durch Österreich und Deutschland absolviert und vor einem Riesenpublikum gespielt. Und obwohl er zu den prononciert kritischen Liedermachern zählte, hatte er vergleichsweise großen Erfolg – auch wenn er nicht zur Riege der kommerziell erfolgreichen Austro-Popstars zählte. Er selbst schrieb über seine Karriere:


„Zwölf Alben habe ich produzieren dürfen, ja dürfen, denn meine Lieder waren nicht das, was die Musikindustrie als Bestandteil der kapitalistischen Weltordnung haben will. Aufsässig, widerborstig, schwer verdaulich, mit dem Vokabular der Straße und viel zu direkt. Die Dinge beim Namen nennen, nicht blöd herumreden. Sicher keine Topseller, aber Longseller. Konzerte im ganzen deutschen Sprachraum. Totgeschwiegen im öffentlichen Rundfunk. Politisch angefeindet und ins Terroristeneck gestellt. … Ich bin kein Terrorist, nur ein genauer Beobachter, der seine Schlüsse zieht.“

Der Kommunist Maron hat abseits seiner öffentlichen Auftritte ein geordnetes Leben als Familienvater geführt und als EDV-Spezialist und Buchhalter gearbeitet. Und zwar bei jenem Plattenkonzern, bei dem er auch als Musiker unter Vertrag stand. Anlässlich seiner Kündigung im Zuge einschneidender Einsparungsmaßnahmen hat er einen wehmütig-wütenden Abschiedsbrief geschrieben – eine beinharte Abrechnung mit dem menschenverachtenden Neoliberalismus.


Wütend waren auch viele seiner Protestlieder (und Aktionen wie seine legendäre Brunz-Attacke auf die Stufen des Wiener Funkhauses). Daneben gab es aber auch immer wieder nachdenkliche und zärtliche Lieder, die für mich (und viele andere) zu seinen Besten zählen. Und immerhin wurden nach langjährigem ORF-Boykott dann doch noch zwei dieser Lieder zu vielgespielten Hits.


Ein Jammer, dass sich Sigi nach seinem kurzen Comeback aus gesundheitlichen Gründen vor zwei Jahren endgültig von der Bühne verabschieden musste. Und natürlich, dass er jetzt ganz von uns gegangen ist. Es bleibt die Erinnerung an viele unvergessene Auftritte, solo, mit Band oder auch mit den ihn bewundernden Attwenger. Oder daran, wie ich ihn einmal aufs Klo im Keller des Albert Schweitzer - Hauses getragen habe und mich gewundert habe, wie leicht dieses Schwergewicht der Liedermacherszene ist.


Einen Monat vor seinem Tod haben wir noch miteinander korrespondiert, wobei er so großzügig war, ein Gedicht von mir als „genial“ zu loben. Und weil er als „Tohuwabohu“- Blödler weitaus bekannter ist denn als Autor, möchte ich abschließend auf sein letztes Buch hinweisen: Sigfrid Maron: Schmelzwasser, Verlag Bibliothek der Provinz (ISBN 978-3-85252-198-5). Er hat dazu folgendes geschrieben:


„Schmelzwasser, die Geschichte einer Fusion, die Geschichte von dreißig Jahren Musikbusiness, die Geschichte von Ausgegrenzten, von aus politischen Gründen Totgeschwiegenen, die Geschichte von Gescheiten und Blöden, die Geschichte von Angepassten und Widerspenstigen, die Geschichte von Gutmenschen und Bösmenschen. Wird auch das Wort Gutmensch heute abfällig und abwertend verwendet, tausendmal lieber bin ich ein Gutmensch, als ein Bösmensch oder ein Blödmensch.“

Richard Weihs ist Autor, Musiker, Kabarettist und Lebenskünstler. Mehr über ihn

6 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen