Ein urbanes Original

Aktualisiert: März 31


Ein Abend für Ernst Kein im Weinhaus Sittl mit Richard Weihs, Christa Urbanek und Claus Tieber


Persönlich kennengelernt hab ich das Unikat Urbanek auf der Donauinsel – allerdings nicht beim Dreh eines Elizabeth T. Spira - Films, sondern beim allseits bekannten Donauinselfest. Ich hatte gerade einen Auftritt in einem stickigen Zelt absolviert und war froh, wieder an die frische Luft zu kommen, als eine Freundin auf mich zukam und mir eine ausgesprochen beeindruckende Person vorstellte. Die imposante Gestalt trotz der Hitze zur Gänze in enganliegendes schwarzes Leder gewandet, begrüßte mich Christa Urbanek mit einem energischen Händedruck und den Worten: „Di woit i scho laung kennanlernan – jetz hob i’s endlich gschofft!“

An den weiteren Verlauf des Gespräches kann ich mich leider nicht mehr so recht erinnern. Das hat allerdings weniger mit dem kräftigen Schmatz zu tun, den mir die Christa zum Abschied auf die Lippen drückte, sondern eher damit, dass kurz darauf bei einem Streit zwischen besoffenen Jugendlichen ein Heurigenbankerl durch die Luft flog. Ich konnte mich zwar noch etwas wegducken, aber einer der Metallfüße traf mich trotzdem am Hinterkopf und fügte mir eine stark blutende Rissquetsch-Wunde zu, die im Sanitätszelt verarztet werden musste. Alles in allem war das damals also ein durchaus denkwürdiger Tag.

Als höchst originelle Künstlerin habe ich Christa Urbanek erst einige Zeit später kennengelernt. Im Keller des Café Club International am Ottakringer Yppenplatz fand die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ statt. Die Räume waren völlig finster und das im Dunkeln tappende Publikum wurde von blinden Kellnern umsichtig bedient. Und auf einer kleinen, klarerweise unbeleuchteten Bühne traten verschiedene Künstler sehr vorsichtig auf – außer natürlich dem blinden Akkordeonisten Otto Lechner, für den es ein Auftritt wie jeder andere war.

Ich war nach meinem Auftritt, den ich durch die Abwesenheit von Bühnenbeleuchtung und Lampenfieber als sehr angenehm empfunden hatte, in den Regieraum gegangen. Da drinnen war es hell – schließlich mussten dort ja die zahlreichen kleinen Schieberegler und Knöpfe des Mischpults betätigt werden. Und zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass das Viertel Rotwein, den ich zu trinken wähnte, in Wirklichkeit ein Weißer war. Seither weiß ich, dass auch das Auge mittrinkt.


Dann aber gingen mir die Ohren auf, als ich plötzlich Christas Stimme aus den Monitoren hörte. In ungekünsteltem Dialekt und mit natürlichem Erzählfluss begann sie ihre teils sehr bizarren Erlebnisse zu schildern, die sie nach der Schaltung von Kontaktanzeigen mit der Chiffre „Gleiten statt hetzen“ hatte. Zuerst war ich baff – und gleich darauf schwer begeistert. Ich hab das Programm im Lauf der Jahre noch einige Male gehört, aber der tiefste Eindruck war doch jenes erste Mal, als Christas unverkennbare Stimme aus dem Dunkeln an mein Ohr drang.

Auch Christa besuchte regelmäßig meine Kabarett- und Liederabende und lehnte es dabei stets ab, sich einladen zu lassen. Und wenn ich die Annahme des Eintrittsgeldes strikt verweigerte, dann deponierte sie es eben in Eigenregie in der Abendkasse. Aber dafür hat sie sich auch meinen langjährigen Bühnenpartner Claus Tieber ausgeborgt, der bei ihrem zweiten Programm „Remasuri“ Regie führte – soweit das bei der Christa überhaupt möglich ist. Denn in erster Linie geht es dabei ja darum, sie auf der Bühne möglichst ungehindert sie selbst sein zu lassen.


In weiterer Folge kam es dann auch zu gemeinsamen Auftritten. Unvergesslich ist mir jener, den wir gemeinsam mit dem Kabarettisten Dessi Pajakoff unter dem Namen „Christa und die starken Männer“ in der Wiener Stadthalle hatten. Jawohl, in der Stadthalle – wenn auch nur in der kleinen Halle E. Die Haupthalle wurde an jenem Abend von der Rockgruppe AC/DC bespielt, deren dutzende riesige Sattelschlepper den gesamten Parkplatz blockierten und die mit tief grummelnden Basstönen die Fußsohlen unseres Publikums wohlig massierten.

Aber nicht nur deswegen ist mir dieser Abend in ewiger Erinnerung geblieben, sondern auch, weil ich die Christa selten so wütend erlebt habe. Dass sie sich in ihr zuwider laufenden Situationen kein Blatt vor den Mund nimmt, hatte ich ja schon einige Male erlebt – aber dass sie in Extremsituationen auch vor Handgreiflichkeiten nicht zurückschreckt, hätte ich doch eher nicht vermutetet. Und das kam so:


Der gute Dessi überzog in seinem Solo-Teil angesichts eines für ihn ungewöhnlich großen Publikums in höchst unkollegialer Weise ganz erheblich. Ich glaube, um fast eine halbe Stunde – die Christa wird wahrscheinlich sagen: „Mindestns a dreiviertl Stund!“ Jedenfalls tigerte sie hinter der Bühne mit zunehmender Verzögerung des geplanten Programmablaufes immer wilder auf und ab und auch ihre halblaut ausgestoßenen Verwünschungen nahmen immer bedrohlicheren Charakter an. Und schließlich musste ich sie unter Einsatz (mäßiger) physischer Gewalt daran hindern, den unbotmäßigen Dessi von hinten an den Beinen von der Bühne zu zerren…


Ein anderer gemeinsamer Auftritt verlief da wesentlich harmonischer – aber da waren wir ja auch nur zu zweit: Wir trugen im Theater Forum Schwechat ausgewählte Szenen aus den Alltagsgeschichten von Elizabeth T. Spira vor. Besonders gefreut hat mich, dass das Programm nicht nur beim Publikum gut ankam, sondern Frau Spira mit ihrem Kameramann Peter Kasperak extra nach Schwechat gekommen war und uns nach der Vorstellung für unsere Darbietung sehr gelobt hat.


Als dann der ORF-Journalist Robert Weichinger bei mir wegen der Mitwirkung an einem Film über Wiener Originale anfragte, empfahl ich ihm sofort auch die Christa. Und so sind wir in „Jessas na - Eine filmische Collage über Menschen mit Rückgrat und Schmäh“ gemeinsam zu sehen. Auf einer abgesessenen Bank im alten Café Drechsler, wo die Christa mit trockenem Humor von ihren feuchten Erlebnissen als Teilzeit-Puffmutter berichtet, und am Naschmarkt, wo wir hingebungsvoll den „Nochtlokäu-Blues“ grölen – und dabei immerhin zwei Euro lukrieren.


Soweit ein paar Anekdoten (von ziemlich vielen) zur Künstlerin Christa Urbanek. Was aber noch unbedingt erwähnt werden muss, sind ihre menschlichen Qualitäten. Sie hat nämlich nicht nur eine Mords-Gosch’n, sondern auch ein großes Herz. Und sie ist eine ehrliche Haut – was in Wien ja nicht gerade häufig ist. Das macht sie für mich besonders liebenswert. Wurscht, ob sie, missvergnügt an der Kasse sitzend, bissig die ihr missfallenden musikalischen Leistungen der auftretenden Band kommentiert, oder ob sie vor der Bühne begeistert zur Musik tanzt – ich freu mich immer, wenn sie da ist.

Zur Erinnerung an Christa Urbanek


Besucher des Akkordeonfestivals und vieler vieler anderer Konzerte werden sie als dominante Frau an der Kassa in Erinnerung haben. Burschikoser Kurzhaarschnitt, eine sehr beeindruckende Oberweite und eine Mordsgoschn mit deftigem Schmäh: Die „Tante“ Christa!


Viele Konzertbesucher wussten allerdings nicht, dass Christa Urbanek nicht nur ein unverwechselbares Original, sondern auch eine einzigartige Künstlerin war. In ihren Kleinkunst-Programmen „Kennwort: Unikat“ und „Remasuri“ schilderte sie hinreissend Szenen aus ihrem bewegten Leben – freimütig, unverblümt und mit dem ihr eigenen grimmigen Humor.


Mein Kollege Claus Tieber, der bei ihrem zweiten Programm Regie führte, beschreibt das sehr anschaulich: „Christa ist – wie der Titel ihres ersten Programms verrät – ein Unikat. Dies ist sie auf eine Art und Weise, die man weder proben noch inszenieren kann. Christa ist einfach sie selbst, sie spielt nicht, sondern ist so authentisch, wie es eine Kunstfigur nie sein könnte.“


Christa war aber auch eine eifrige Besucherin von Vorstellungen ihrer Kollegen. Überall gern gesehen – und zwar nicht nur, weil sie stets darauf bestand Eintritt zu zahlen. Claus Tieber: „Egal, ob volles Haus oder wenig Publikum, Christa machte als Besucherin so viel Stimmung wie gefühlte hundert Zuseher. Ob sie das Haus mit ihrem Lachen und Zwischenrufen mitriss oder uns Spielende vergessen ließ, dass wir vor nur fünf Leuten sitzen – mit Christa im Publikum war die Vorstellung gerettet.”


Die alleinerziehende Mutter zweier Töchter war aber auch sozial engagiert: Viele Jahre lang organisierte sie Weihnachtsvorstellungen mit höchst unterschiedlichen Künstlern, deren Erlös zum Ankauf von Schlafsäcken für Obdachlose verwendet wurde. Und sie hatte auch ein großes Herz und ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Freunde und Bekannten.


Wer das liebenswerte Energiebündel Christa Urbanek erlebt hat – ob privat, ob in ihren Programmen oder als höchst offenherzige Performerin der legendären Rockband Drahdiwaberl – der wird sie nie vergessen.


Christa Urbanek ist am 19. 3. 2021 verstorben.





Richard Weihs ist Autor, Musiker, Kabarettist und Lebenskünstler. Mehr über ihn

429 Ansichten0 Kommentare