Reflexionen zur Wiener Wut von Richard Weihs

Aktualisiert: 29. Sept 2020



„Hunde, die bellen, beißen nicht!“ Wenn man diesem Sprichwort wirklich trauen könnte, dann wären die Wiener wahrscheinlich die friedfertigsten Menschen der Welt. Denn was man hierorts an verbal-radikalen Brutalitäten und derben Drohungen zu hören bekommen kann, ist bei Gott kein „Lercherlschas“! Freilich, es wird nicht so heiß gegessen wie gekocht – aber nichts desto trotz...


Es mag ja sein, dass die Ventilfunktion rüden Beflegelns tatsächlich dazu beiträgt, rechtzeitig emotional jenen Dampf abzulassen, der ansonsten die inneren Gefühlsturbinen in Richtung reale Gewalttätigkeit antreiben würde. Aber man fragt sich doch, was wohl passieren würde, wenn dieser Druckausgleich durch das verbale Ventil nicht mehr ausreichen sollte. Vulkanische Abgründe tun sich da auf!

Natürlich hat der brutale Schmäh einen immens hohen Unterhaltungswert, insbesonders, wenn er phantasievoll und mit Liebe zum Detail geführt wird. Aber er scheint mir nach dem gleichen Prinzip zu funktionieren wie Krimis oder Horrorfilme: Unterschwellig schwingt doch stets eine leise Ahnung vom wirklichen Grauen mit.

Ich erinnere mich noch gut an eine Demonstration anlässlich der Arena-Besetzung im Jahr 1976, als beim Bahnhof Landstrasse ein gemütlich wirkender älterer Herr aus dem Spalier der „Geht’s oabeit’n!“ rufenden Zuschauer auf mich zutrat und mir mit freundlichem Lächeln mitteilte, dass seiner unmaßgeblichen Meinung nach das ganze Demonstrantenpack notgeschlachtet gehöre und die so gewonnenen Häute am besten zu Lampenschirmen verarbeitet werden sollten.


Ich war derart fassungslos, dass ich mich nur erkundigte, ob er diesen Vorschlag denn wirklich ernst meine. „Aber selbstverständlich!“ lautete seine durchaus höfliche Antwort. Kein Schmäh.


Das Bild der Wiener Seele, das sich hier bietet, ist also eine eher düsteres: Wenn Wut die Schleusen des Mundwerkes öffnet, dann werden die Dämme anerzogener Zurückhaltung und oberflächlicher Höflichkeit rasch hinweggespült und es offenbart sich dem schaudernden Betrachter eine dröge vor sich hin köchelnde Sumpflandschaft, aus deren brodelnden Niederungen prall gefüllte Sprechblasen emporsteigen, die beim Zerplatzen übelriechende Dämpfe freisetzen, welche die gerümpfte Nase des fassungslosen Forschers nachdrücklich zu beleidigen imstande sind.


Andererseits offenbart sich dem wissensdurstigen Linguisten unter dem starken emotionalen Druck eines Wutausbruches ein überraschend hohes Potenzial an spielerischer Kreativität, deren begnadete Wortschöpfungen ihn durch verblüffenden Einfallsreichtum, originelle Sprachbilder, lautmalerische Prägnanz und auch durch poetische Dichte zu faszinieren und zu beglücken vermögen.


Diese zwiespältigen Eindrücke lassen den psychologisch geschulten Forschergeist auf eine gewisse kindliche Unschuld des wienerischen Gemütes schließen: In aller Unbefangenheit gehen hinterfotzige Verschlagenheit und niederschmetternde Brutalität Hand in Hand einher mit überschäumender Schaffensfreude und hochsensiblem Sprachgefühl.


Da befällt selbst hartgesottene Kenner unwillkürlich ein unterschwelliges Grausen, wenn sich vor ihnen jene Mördergrube auftut, die sich gemeiniglich unter der hauchdünnen Vergoldung des Wienerherzens tunlichst zu verbergen sucht.

Richard Weihs ist Autor, Musiker, Kabarettist und Lebenskünstler. Mehr über ihn

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