Dr. Hermann Stühlinger

Aktualisiert: Sept 20

„Dr. Hermann Stühlinger ist alter Parteigenosse. Er gehört seit 1930 der NSDAP und der SA an. Er hat sich seit dieser Zeit stets in hervorragender Weise für die Bewegung betätigt, und zwar derart, dass er bis zum SA-San. Brigadeführer befördert und nach dem Umbruch zum Hauptstellenleiter im Gauamt für Volksgesundheit ernannt wurde. In fachlicher und persönlicher Hinsicht ist er bestens beschrieben.”

Nationalsozialistischer Deutscher Ärztebund/Gau Wien, 14. 9. 1938


Obermedizinalrat Dr. Hermann Stühlinger, geboren am 7. 8. 1898 in Grein, gestorben am 14. 10. 1996, promovierte im Jahr 1930 zum Dr. med. und war im gleichen Jahr Mitbegründer des NS-Ärztebundes. 1935 musste er seine ärztliche Praxis im Sanatorium Goldenes Kreuz aufgeben, weil er als Sanitätsreferent der damals noch verbotenen SA in Erscheinung getreten war. Er flüchtete nach Deutschland und wurde dort Chefarzt der „Österreichischen Legion“.


Diese war eine ab 1933 aufgestellte paramilitärische Einheit, die sich aus ins Deutsche Reich geflüchteten illegalen österreichischen Nationalsozialisten rekrutierte. Ihre Mitglieder, überwiegend SA-Männer, wurden zunächst in verschiedenen Lagern Bayerns militärisch ausgebildet und bewaffnet und waren für einen eventuellen deutschen Einmarsch in Österreich vorgesehen.


Das militärische Drohpotential, das die Legion darstellte, aber auch die Tatsache, dass sie in vielfältige gegen Österreich gerichtete Aktivitäten involviert war, ließ die Legion besonders in den Jahren 1933 und 1934 zu einem permanenten innen- wie außenpolitischen Unruhefaktor werden. Später wurde die Legion zum Hilfswerk Nordwest umgebildet und in eine Reihe von Lagern in Westfalen und Norddeutschland verlegt. Hermann Stühlinger wurde Sanitätsoberführer des Hilfswerks der SA in Bad Godesberg – diese Tätigkeit übte er bis zum März 1938 aus.


Nach dem deutschen Einmarsch beauftragte wurde Stühlinger vom Chef des Gesundheitshauptamtes der Obersten SA-Führung (OSAF) am 18. 3. 1938 mit der Einrichtung des Gesundheitsdienstes der SA in ganz Österreich. Er nahm auch eine einflussreiche Position in der Wiener Gesundheitsadministration ein, in der er die Übertragung der ehemaligen Fondskrankenanstalten an die Gemeinde Wien bewerkstelligte.


Es entwickelte sich ein harter Konkurrenzkampf zwischen SA und SS um Posten und Einfluss. Am 3. 5. 1938 verfasste Stühlinger ein Rundschreiben an die SA-Brigade- und Standarten-Ärzte, in dem es u. a. hieß:


„Die SA-Ärzte treten mancherorts bei Aufstellung von Forderungen usw. gemeinsam mit Ärzten anderer Parteiformationen bzw. –gliederungen als sogenannte Formationsärzte auf. Wir SA-Ärzte haben es nicht nötig, uns mit anderen zu verbünden, wir sind stark genug, um als SA-Ärzte das, was uns zusteht, zu erreichen. Und nachdem wir nicht mit Gleichwertigen in eine Front treten können, marschieren wir lieber allein, besonders da zu erwarten ist, dass sich bald die Kameradschaft aus der Kampfzeit, die uns zu solchen, die ein andersfarbenes Gewand tragen, verbindet, in ein wenig freundschaftliches Verhältnis umwandeln wird. Es gibt eben nur eine Formation der Volksgemeinschaft, eine Trägerin des Idealismus und der Opferbereitschaft, und dies ist die SA!


Alle anderen Formationen sind Zweckverbände, selbst die mit einer wundervollen besonderen Aufgabe betraute, uns am nächsten stehende HJ. Aber nicht immer tun wir gut, wenn wir zur Erreichung eines Zieles als SA-Ärzte auftreten, oft wird es gut sein, politisch zu erwägen und getarnt zu handeln, wenn es gilt, für einen Kameraden eine Stelle zu ergattern oder einen wichtigen Posten mit einem solchen zu besetzen, der die Stelle Vergebende aber uns gegnerisch gegenübersteht oder verständnislos für alles ist, was nicht im engen Rahmen des Spießers sich bewegt.“

Am 16. 7. 1938 wurde Stühlinger vom Wiener NS-Reichstatthalter, dem späteren Kriegsverbrecher Odilo Globocnik, mit der Wahrnehmung der „Standesangelegenheiten der Ärzte und des übrigen Sanitätspersonals“ betraut. Er war als Personalreferent im Volksgesundheitsamt im Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten mit der Anwendung der Nürnberger Rassegesetze auf die österreichische Ärzteschaft befasst.


Stühlingers Schirmherr Globocnik war im Gau Wien maßgeblich für die Vertreibung, Misshandlung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung verantwortlich. Er hinterließ ein finanzielles und organisatorisches Chaos, als er am 30. 1. 1939 wegen dubioser Devisengeschäfte, Geheimkonten für erpresstes jüdisches Geld und wegen Unterschlagung von Parteigeldern aus dem Amt entfernt wurde. Der SS-Brigadeführer war später in Polen, Russland und Italien für den millionenfachen Mord an Juden und zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung entscheidend verantwortlich.


Hermann Stühlinger und sein Kollege Wilhelm Wozelka bauten in Wien-Alsergrund ein kleines Imperium im medizinischen Bereich auf. Die im Besitz von Samuel und Marie Goldstern befindliche Fangoheilanstalt in der Borschegasse 2–4 sowie das Brünnlbad, das Gustav Beck gehörte, erwarben sie auf dem „Arisierungs”-Weg, von der Stadt Wien kauften sie später die Krankenanstalt „Goldenes Kreuz”.

Die Kuranstalt für physikalische Heilmethoden und Sanatorium des Dr. Goldstern hatte 1937 35 Angestellte, die Bruttoeinnahmen 1936 betrugen S 127.075. Das Geschäft war schwierig, denn „obwohl die Anzahl der Krankenkassen-Patienten wie auch der Privat-Patienten gestiegen ist, sind die Einnahmen zurückgegangen, da die Honorarsätze wieder ermäßigt werden mussten. Bezüglich der Privatordination ist auch der Umstand anzuführen, dass die Höhe der einzelnen Ordination herabgesetzt werden musste, um die Anpassung an die geminderte Kaufkraft der in Betracht kommenden Kreise (hauptsächlich Mittelstand) zu finden.”


Das Brünnlbad in Wien IX., Borschkegasse 4, hatte 1937 einen Umsatz von S 102.630,98 erwirtschaftet. Die Schätzung nach dem Sachwert für das Unternehmen, das 19 Angestellte und Arbeiter, 9 selbstständige Gewerbetreibende und 3 Aushelfer beschäftigte, betrug RM 250.000. Gustav und Emilie Beck beschieden sich anfänglich mit einem Betrag von RM 170.000. Im Ansuchen um Genehmigung zum Erwerb der „Fango-Heilanstalt” gab Stühlinger bei Gesamt- und Barvermögen nichts an, beim Punkt Investitionen verwies er auf den Antrag Wozelkas, der 50.000 holländische Gulden in das Unternehmen „Arisierung” einbringen konnte.


In dessen Lebenslauf findet sich der Hinweis auf eine Tätigkeit als Arzt in Medan (Sumatra) von 1921 bis 1934. Nach dem „Umbruch” betrieb er keine ärztliche Praxis mehr, sondern arbeitete als ehrenamtlicher Gauhauptstellenleiter ausschließlich für die NSDAP. Stühlinger und Wozelka legten Empfehlungsschreiben des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes/Gau Wien vor (siehe oben).


Bei der Vermögensverkehrsstelle beschwerte sich das „Ariseurs”-Duo darüber, dass das Brünnlbad angeblich der jüdischen Bevölkerung für zwei Jahre zur Verfügung gestellt werden solle. Außerdem behaupteten sie, der Betrieb befinde sich in einem „charakteristisch jüdisch verwahrlosten Zustand”, Investitionen seien dringend notwendig und der „Erwerb nur dann interessant […], wenn die Kaufsumme sehr niedrig festgesetzt wird”.


Das wurde sie auch. Als Kaufpreis für die Fango-Heilanstalt veranschlagte die Vermögensverkehrsstelle RM 32.000, für das Brünnlbad RM 108.000. Von einer „Arisierungsauflage” wurde Abstand genommen. Die Betriebe stellten zwar einen „ziemlichen Sachwert an sich” dar, wie der Referent einräumte, seien aber „durch jahrelangen schlechten Geschäftsgang überbelastet und ihre Instandhaltung […] äußerst vernachlässigt”.

Bei der „Anpassung” der Betriebsobjekte an die bescheidenen pekuniären Voraussetzungen erwünschter „Arisierungs”-Werber rückten politische Dispositionen dementsprechend in den Vordergrund: „Da die Mittel der Kaufwerber beschränkt sind, ihre hervorragende menschliche und weltanschauliche Eignung gegeben erscheint, musste eine Form gefunden werden, die eine Übernahme durch sie ermöglichte.”


Zur Situation der Familie Goldstern: Samuel und Marie Goldsterns Sohn Alexander kam zunächst nach Dachau in Schutzhaft, weil man ihm Verschleierungen und „unrechtmäßige” Entnahmen vorwarf. Sein Motorrad wurde für RM 80 verkauft und der Betrag vorläufig hinterlegt. Im Juni 1938 wurde ihm die Einreise in die Schweiz bewilligt. Alexander Goldsterns Frau Gertrud wandte sich an den mittlerweile bestellten kommissarischen Verwalter Hartmut Reichhold, um die Herausgabe der für die Ausreise – es war geplant, nach Übersee auszuwandern – dringend benötigten Geldmittel, die er verwaltete, zu erreichen.


Dr. Samuel Goldstern erlitt am 22. 8. 1938 einen Herzinfarkt. Während des großen Pogroms am 10. 11. 1938 musste der vierundsiebzigjährige Samuel innerhalb von zwei Stunden aus seiner eigenen Klinik ausziehen. Er befand sich in einer verzweifelten Notlage: Sein gesamtes Vermögen lag auf einem Sperrkonto, auf das er keinen Zugriff hatte. Um die sechs Personen seiner Familie mit dem Nötigsten versorgen zu können, musste er Bargeld bei sechs verschiedenen Gläubigern ausleihen.


Trotz vorliegendem ärztlichen Zeugnis seiner schweren Erkrankung musste er persönlich bei der Vermögensverkehrsstelle erscheinen und wurde dort „behufs Angabe der Gründe seines Schuldenmachens“ zur Rede gestellt. Er überlebte die Erniedrigung zum rechtlosen Bittsteller, die Vernichtung seines Lebenswerkes, die Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlage seiner Familie und die Vertreibung aus seinem Haus nicht lange. Er starb sechs Tage nach dem Umzug in die Wohnung seines Schwagers Dr. Leopold Wermer in der Nußdorferstraße. Am 6. 5. 1941 beging Dr. Wermer Selbstmord, um der drohenden Deportation nach Łódź zuvorzukommen.

Marie Goldstern musste an den kommissarischen Verwalter ein entwürdigendes Schreiben richten: Sie ersuchte, persönliche Gegenstände und Versicherungspolizzen herauszugeben. Die Versicherungen sollten belehnt werden, um einen Teil der Fahrtauslagen nach Übersee bezahlen zu können. Sie konnte diese Reise nicht mehr antreten. Marie Goldstern wurde am 10. 9. 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie am 14. 5. 1944 zu Tode kam. Gustav Beck, der Besitzer des Brünnlbades, erlitt dasselbe Schicksal – er starb am 7. 1. 1943 in Theresienstadt.


Stühlinger war bis kurz vor Kriegsende als Chefarzt bzw. Oberstabsarzt im Reservelazarett XXI., Wien II., Große Mohrengasse tätig, wo er laut Erhebungsbericht des Innenministeriums dem dortigen Personal „noch heute als äußerst fanatischer Nationalsozialist bekannt und in sehr schlechter Erinnerung ist”. Am 3. 4. 1945 flüchtete er mit den gehfähigen Patienten sowie 200 Mann Personal des Lazaretts nach Linz und hinterließ ca. 700 liegende Patienten. Er gab an, keinen Befehl gehabt zu haben bei den Kriegsversehrten zu bleiben.


In der Anzeige gegen Stühlinger wegen §§ 10 und 11 Verbotsgesetz in Verbindung mit § 6 Kriegsverbrechergesetz hieß es: „Auf Grund seiner illegalen Betätigung innerhalb der NSDAP und SA gelang es ihm mit seinem Kollegen, Dr. Wocelka [recte: Wozelka], die ,Fango-Heilanstalt‘ Wien IX., Lazarettgasse 20, sowie die Heilanstalt ,Brünnlbad‘, Wien IX, Broschkegasse 4, zu arisieren. In der Folge wurde das Sanatorium ,Goldenes Kreuz‘, Wien IX, Lazarettgasse 16, durch die beiden erworben. Die Mittel dazu wurden durch Hypothekaufnahme auf die arisierten Heilanstalten gewonnen. Ebenso wurden die Mittel zur Renovierung der Heilanstalten durch Aufnahme von Hypotheken erreicht.”


Der Schätzwert der Fango-Heilanstalt sei mit RM 118.858 beziffert worden. Der tatsächliche Verkaufswert habe aber nur RM 32.000 betragen. Der Schätzwert der Heilanstalt Brünnlbad war mit RM 250.000 angesetzt, „der effektive Kaufpreis letzten Endes mit RM 68.000 festgesetzt. Entjudungsauflage wurde in beiden Vorgängen nicht entrichtet. Es besteht daher der begründete Verdacht der missbräuchlichen Bereicherung, der im gerichtlichen Untersuchungsverfahren allenfalls durch Sachverständigengutachten zu konkretisieren wäre.”


Ein Bericht des Bundesministeriums des Inneren bezeichnete die beiden Heilanstalten als „mehrstöckige Prachtbauten“. Demnach würde der von der Vermögensverkehrsstelle genehmigte Kaufpreis einen glatten Betrug darstellen. Auch ein anderes Gutachten kam zu dem Schluss, „daß die bewilligten Kaufpreise nicht annähernd den Werten der beiden Objekte entsprechen und hier eine sehr große mißbräuchliche Bereicherung vorliegt”.


Der Sachverständige Prof. Josef Hainschitsch gab eine Aussage der Pflegeschwester Mizzi zu Protokoll, wonach „der Beschuldigte, Dr. Wozelka […] das Unrecht, das durch diese Arisierung begangen wurde, gefühlt habe, da er ein Rundschreiben erließ, das jeder Angestellte unterschreiben musste, womit er das Verbot erließ, daß nicht mehr über die Arisierung gesprochen werde”.


Stühlinger und Wozelka wurden vor dem Volksgericht Wien wegen „mißbräuchlicher Bereicherung“ angeklagt, Stühlinger außerdem wegen Hochverrat. Dem Senat lagen Gutachten und Schätzungen von elf Sachverständige vor, aus denen klar hervorging, dass sich die Angeklagten die beiden Institute um einen „Pappenstiel“ angeeignet hatten.


Dennoch schenkte der Senat einem Gefälligkeitsgutachten des (späteren) Rektors der Hochschule für Welthandel Dr. Wilhelm Bouffier Glauben, in dem die beiden wertvollen modernen Heilanstalten als „Bruchbuden“ bezeichnet wurden. Bouffier gehörte übrigens jener Ternakommission an, welche die Wirtschaftsgeschichte-Lehrkanzel mit dem berüchtigten Nazi und rabiaten Antisemiten Taras Borodajkewycz nachbesetzte, obwohl dieser im Unterschied zu den anderen Mitbewerbern gar kein Wirtschaftshistoriker war.

Letztendlich schloss sich das Gericht der Meinung an, „dass die beiden Angeklagten nicht die beiden Häuser als Geldanlage, sondern den Betrieb der Heilanstalt erwerben wollten”. Aus dem Akt der Vermögensverkehrsstelle würde sich ergeben, dass es den beiden Angeklagten in erster Linie um den medizinischen Betrieb zu tun war. Der Betrieb hätte auch schon vorher