Dr. Hermann Stühlinger

Aktualisiert: 20. Sept. 2021

„Dr. Hermann Stühlinger ist alter Parteigenosse. Er gehört seit 1930 der NSDAP und der SA an. Er hat sich seit dieser Zeit stets in hervorragender Weise für die Bewegung betätigt, und zwar derart, dass er bis zum SA-San. Brigadeführer befördert und nach dem Umbruch zum Hauptstellenleiter im Gauamt für Volksgesundheit ernannt wurde. In fachlicher und persönlicher Hinsicht ist er bestens beschrieben.”

Nationalsozialistischer Deutscher Ärztebund/Gau Wien, 14. 9. 1938


Obermedizinalrat Dr. Hermann Stühlinger, geboren am 7. 8. 1898 in Grein, gestorben am 14. 10. 1996, promovierte im Jahr 1930 zum Dr. med. und war im gleichen Jahr Mitbegründer des NS-Ärztebundes. 1935 musste er seine ärztliche Praxis im Sanatorium Goldenes Kreuz aufgeben, weil er als Sanitätsreferent der damals noch verbotenen SA in Erscheinung getreten war. Er flüchtete nach Deutschland und wurde dort Chefarzt der „Österreichischen Legion“.


Diese war eine ab 1933 aufgestellte paramilitärische Einheit, die sich aus ins Deutsche Reich geflüchteten illegalen österreichischen Nationalsozialisten rekrutierte. Ihre Mitglieder, überwiegend SA-Männer, wurden zunächst in verschiedenen Lagern Bayerns militärisch ausgebildet und bewaffnet und waren für einen eventuellen deutschen Einmarsch in Österreich vorgesehen.


Das militärische Drohpotential, das die Legion darstellte, aber auch die Tatsache, dass sie in vielfältige gegen Österreich gerichtete Aktivitäten involviert war, ließ die Legion besonders in den Jahren 1933 und 1934 zu einem permanenten innen- wie außenpolitischen Unruhefaktor werden. Später wurde die Legion zum Hilfswerk Nordwest umgebildet und in eine Reihe von Lagern in Westfalen und Norddeutschland verlegt. Hermann Stühlinger wurde Sanitätsoberführer des Hilfswerks der SA in Bad Godesberg – diese Tätigkeit übte er bis zum März 1938 aus.


Nach dem deutschen Einmarsch beauftragte wurde Stühlinger vom Chef des Gesundheitshauptamtes der Obersten SA-Führung (OSAF) am 18. 3. 1938 mit der Einrichtung des Gesundheitsdienstes der SA in ganz Österreich. Er nahm auch eine einflussreiche Position in der Wiener Gesundheitsadministration ein, in der er die Übertragung der ehemaligen Fondskrankenanstalten an die Gemeinde Wien bewerkstelligte.


Es entwickelte sich ein harter Konkurrenzkampf zwischen SA und SS um Posten und Einfluss. Am 3. 5. 1938 verfasste Stühlinger ein Rundschreiben an die SA-Brigade- und Standarten-Ärzte, in dem es u. a. hieß:


„Die SA-Ärzte treten mancherorts bei Aufstellung von Forderungen usw. gemeinsam mit Ärzten anderer Parteiformationen bzw. –gliederungen als sogenannte Formationsärzte auf. Wir SA-Ärzte haben es nicht nötig, uns mit anderen zu verbünden, wir sind stark genug, um als SA-Ärzte das, was uns zusteht, zu erreichen. Und nachdem wir nicht mit Gleichwertigen in eine Front treten können, marschieren wir lieber allein, besonders da zu erwarten ist, dass sich bald die Kameradschaft aus der Kampfzeit, die uns zu solchen, die ein andersfarbenes Gewand tragen, verbindet, in ein wenig freundschaftliches Verhältnis umwandeln wird. Es gibt eben nur eine Formation der Volksgemeinschaft, eine Trägerin des Idealismus und der Opferbereitschaft, und dies ist die SA!


Alle anderen Formationen sind Zweckverbände, selbst die mit einer wundervollen besonderen Aufgabe betraute, uns am nächsten stehende HJ. Aber nicht immer tun wir gut, wenn wir zur Erreichung eines Zieles als SA-Ärzte auftreten, oft wird es gut sein, politisch zu erwägen und getarnt zu handeln, wenn es gilt, für einen Kameraden eine Stelle zu ergattern oder einen wichtigen Posten mit einem solchen zu besetzen, der die Stelle Vergebende aber uns gegnerisch gegenübersteht oder verständnislos für alles ist, was nicht im engen Rahmen des Spießers sich bewegt.“

Am 16. 7. 1938 wurde Stühlinger vom Wiener NS-Reichstatthalter, dem späteren Kriegsverbrecher Odilo Globocnik, mit der Wahrnehmung der „Standesangelegenheiten der Ärzte und des übrigen Sanitätspersonals“ betraut. Er war als Personalreferent im Volksgesundheitsamt im Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten mit der Anwendung der Nürnberger Rassegesetze auf die österreichische Ärzteschaft befasst.


Stühlingers Schirmherr Globocnik war im Gau Wien maßgeblich für die Vertreibung, Misshandlung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung verantwortlich. Er hinterließ ein finanzielles und organisatorisches Chaos, als er am 30. 1. 1939 wegen dubioser Devisengeschäfte, Geheimkonten für erpresstes jüdisches Geld und wegen Unterschlagung von Parteigeldern aus dem Amt entfernt wurde. Der SS-Brigadeführer war später in Polen, Russland und Italien für den millionenfachen Mord an Juden und zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung entscheidend verantwortlich.


Hermann Stühlinger und sein Kollege Wilhelm Wozelka bauten in Wien-Alsergrund ein kleines Imperium im medizinischen Bereich auf. Die im Besitz von Samuel und Marie Goldstern befindliche Fangoheilanstalt in der Borschegasse 2–4 sowie das Brünnlbad, das Gustav Beck gehörte, erwarben sie auf dem „Arisierungs”-Weg, von der Stadt Wien kauften sie später die Krankenanstalt „Goldenes Kreuz”.

Die Kuranstalt für physikalische Heilmethoden und Sanatorium des Dr. Goldstern hatte 1937 35 Angestellte, die Bruttoeinnahmen 1936 betrugen S 127.075. Das Geschäft war schwierig, denn „obwohl die Anzahl der Krankenkassen-Patienten wie auch der Privat-Patienten gestiegen ist, sind die Einnahmen zurückgegangen, da die Honorarsätze wieder ermäßigt werden mussten. Bezüglich der Privatordination ist auch der Umstand anzuführen, dass die Höhe der einzelnen Ordination herabgesetzt werden musste, um die Anpassung an die geminderte Kaufkraft der in Betracht kommenden Kreise (hauptsächlich Mittelstand) zu finden.”


Das Brünnlbad in Wien IX., Borschkegasse 4, hatte 1937 einen Umsatz von S 102.630,98 erwirtschaftet. Die Schätzung nach dem Sachwert für das Unternehmen, das 19 Angestellte und Arbeiter, 9 selbstständige Gewerbetreibende und 3 Aushelfer beschäftigte, betrug RM 250.000. Gustav und Emilie Beck beschieden sich anfänglich mit einem Betrag von RM 170.000. Im Ansuchen um Genehmigung zum Erwerb der „Fango-Heilanstalt” gab Stühlinger bei Gesamt- und Barvermögen nichts an, beim Punkt Investitionen verwies er auf den Antrag Wozelkas, der 50.000 holländische Gulden in das Unternehmen „Arisierung” einbringen konnte.


In dessen Lebenslauf findet sich der Hinweis auf eine Tätigkeit als Arzt in Medan (Sumatra) von 1921 bis 1934. Nach dem „Umbruch” betrieb er keine ärztliche Praxis mehr, sondern arbeitete als ehrenamtlicher Gauhauptstellenleiter ausschließlich für die NSDAP. Stühlinger und Wozelka legten Empfehlungsschreiben des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes/Gau Wien vor (siehe oben).


Bei der Vermögensverkehrsstelle beschwerte sich das „Ariseurs”-Duo darüber, dass das Brünnlbad angeblich der jüdischen Bevölkerung für zwei Jahre zur Verfügung gestellt werden solle. Außerdem behaupteten sie, der Betrieb befinde sich in einem „charakteristisch jüdisch verwahrlosten Zustand”, Investitionen seien dringend notwendig und der „Erwerb nur dann interessant […], wenn die Kaufsumme sehr niedrig festgesetzt wird”.


Das wurde sie auch. Als Kaufpreis für die Fango-Heilanstalt veranschlagte die Vermögensverkehrsstelle RM 32.000, für das Brünnlbad RM 108.000. Von einer „Arisierungsauflage” wurde Abstand genommen. Die Betriebe stellten zwar einen „ziemlichen Sachwert an sich” dar, wie der Referent einräumte, seien aber „durch jahrelangen schlechten Geschäftsgang überbelastet und ihre Instandhaltung […] äußerst vernachlässigt”.

Bei der „Anpassung” der Betriebsobjekte an die bescheidenen pekuniären Voraussetzungen erwünschter „Arisierungs”-Werber rückten politische Dispositionen dementsprechend in den Vordergrund: „Da die Mittel der Kaufwerber beschränkt sind, ihre hervorragende menschliche und weltanschauliche Eignung gegeben erscheint, musste eine Form gefunden werden, die eine Übernahme durch sie ermöglichte.”


Zur Situation der Familie Goldstern: Samuel und Marie Goldsterns Sohn Alexander kam zunächst nach Dachau in Schutzhaft, weil man ihm Verschleierungen und „unrechtmäßige” Entnahmen vorwarf. Sein Motorrad wurde für RM 80 verkauft und der Betrag vorläufig hinterlegt. Im Juni 1938 wurde ihm die Einreise in die Schweiz bewilligt. Alexander Goldsterns Frau Gertrud wandte sich an den mittlerweile bestellten kommissarischen Verwalter Hartmut Reichhold, um die Herausgabe der für die Ausreise – es war geplant, nach Übersee auszuwandern – dringend benötigten Geldmittel, die er verwaltete, zu erreichen.


Dr. Samuel Goldstern erlitt am 22. 8. 1938 einen Herzinfarkt. Während des großen Pogroms am 10. 11. 1938 musste der vierundsiebzigjährige Samuel innerhalb von zwei Stunden aus seiner eigenen Klinik ausziehen. Er befand sich in einer verzweifelten Notlage: Sein gesamtes Vermögen lag auf einem Sperrkonto, auf das er keinen Zugriff hatte. Um die sechs Personen seiner Familie mit dem Nötigsten versorgen zu können, musste er Bargeld bei sechs verschiedenen Gläubigern ausleihen.


Trotz vorliegendem ärztlichen Zeugnis seiner schweren Erkrankung musste er persönlich bei der Vermögensverkehrsstelle erscheinen und wurde dort „behufs Angabe der Gründe seines Schuldenmachens“ zur Rede gestellt. Er überlebte die Erniedrigung zum rechtlosen Bittsteller, die Vernichtung seines Lebenswerkes, die Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlage seiner Familie und die Vertreibung aus seinem Haus nicht lange. Er starb sechs Tage nach dem Umzug in die Wohnung seines Schwagers Dr. Leopold Wermer in der Nußdorferstraße. Am 6. 5. 1941 beging Dr. Wermer Selbstmord, um der drohenden Deportation nach Łódź zuvorzukommen.

Marie Goldstern musste an den kommissarischen Verwalter ein entwürdigendes Schreiben richten: Sie ersuchte, persönliche Gegenstände und Versicherungspolizzen herauszugeben. Die Versicherungen sollten belehnt werden, um einen Teil der Fahrtauslagen nach Übersee bezahlen zu können. Sie konnte diese Reise nicht mehr antreten. Marie Goldstern wurde am 10. 9. 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie am 14. 5. 1944 zu Tode kam. Gustav Beck, der Besitzer des Brünnlbades, erlitt dasselbe Schicksal – er starb am 7. 1. 1943 in Theresienstadt.


Stühlinger war bis kurz vor Kriegsende als Chefarzt bzw. Oberstabsarzt im Reservelazarett XXI., Wien II., Große Mohrengasse tätig, wo er laut Erhebungsbericht des Innenministeriums dem dortigen Personal „noch heute als äußerst fanatischer Nationalsozialist bekannt und in sehr schlechter Erinnerung ist”. Am 3. 4. 1945 flüchtete er mit den gehfähigen Patienten sowie 200 Mann Personal des Lazaretts nach Linz und hinterließ ca. 700 liegende Patienten. Er gab an, keinen Befehl gehabt zu haben bei den Kriegsversehrten zu bleiben.


In der Anzeige gegen Stühlinger wegen §§ 10 und 11 Verbotsgesetz in Verbindung mit § 6 Kriegsverbrechergesetz hieß es: „Auf Grund seiner illegalen Betätigung innerhalb der NSDAP und SA gelang es ihm mit seinem Kollegen, Dr. Wocelka [recte: Wozelka], die ,Fango-Heilanstalt‘ Wien IX., Lazarettgasse 20, sowie die Heilanstalt ,Brünnlbad‘, Wien IX, Broschkegasse 4, zu arisieren. In der Folge wurde das Sanatorium ,Goldenes Kreuz‘, Wien IX, Lazarettgasse 16, durch die beiden erworben. Die Mittel dazu wurden durch Hypothekaufnahme auf die arisierten Heilanstalten gewonnen. Ebenso wurden die Mittel zur Renovierung der Heilanstalten durch Aufnahme von Hypotheken erreicht.”


Der Schätzwert der Fango-Heilanstalt sei mit RM 118.858 beziffert worden. Der tatsächliche Verkaufswert habe aber nur RM 32.000 betragen. Der Schätzwert der Heilanstalt Brünnlbad war mit RM 250.000 angesetzt, „der effektive Kaufpreis letzten Endes mit RM 68.000 festgesetzt. Entjudungsauflage wurde in beiden Vorgängen nicht entrichtet. Es besteht daher der begründete Verdacht der missbräuchlichen Bereicherung, der im gerichtlichen Untersuchungsverfahren allenfalls durch Sachverständigengutachten zu konkretisieren wäre.”


Ein Bericht des Bundesministeriums des Inneren bezeichnete die beiden Heilanstalten als „mehrstöckige Prachtbauten“. Demnach würde der von der Vermögensverkehrsstelle genehmigte Kaufpreis einen glatten Betrug darstellen. Auch ein anderes Gutachten kam zu dem Schluss, „daß die bewilligten Kaufpreise nicht annähernd den Werten der beiden Objekte entsprechen und hier eine sehr große mißbräuchliche Bereicherung vorliegt”.


Der Sachverständige Prof. Josef Hainschitsch gab eine Aussage der Pflegeschwester Mizzi zu Protokoll, wonach „der Beschuldigte, Dr. Wozelka […] das Unrecht, das durch diese Arisierung begangen wurde, gefühlt habe, da er ein Rundschreiben erließ, das jeder Angestellte unterschreiben musste, womit er das Verbot erließ, daß nicht mehr über die Arisierung gesprochen werde”.


Stühlinger und Wozelka wurden vor dem Volksgericht Wien wegen „mißbräuchlicher Bereicherung“ angeklagt, Stühlinger außerdem wegen Hochverrat. Dem Senat lagen Gutachten und Schätzungen von elf Sachverständige vor, aus denen klar hervorging, dass sich die Angeklagten die beiden Institute um einen „Pappenstiel“ angeeignet hatten.


Dennoch schenkte der Senat einem Gefälligkeitsgutachten des (späteren) Rektors der Hochschule für Welthandel Dr. Wilhelm Bouffier Glauben, in dem die beiden wertvollen modernen Heilanstalten als „Bruchbuden“ bezeichnet wurden. Bouffier gehörte übrigens jener Ternakommission an, welche die Wirtschaftsgeschichte-Lehrkanzel mit dem berüchtigten Nazi und rabiaten Antisemiten Taras Borodajkewycz nachbesetzte, obwohl dieser im Unterschied zu den anderen Mitbewerbern gar kein Wirtschaftshistoriker war.

Letztendlich schloss sich das Gericht der Meinung an, „dass die beiden Angeklagten nicht die beiden Häuser als Geldanlage, sondern den Betrieb der Heilanstalt erwerben wollten”. Aus dem Akt der Vermögensverkehrsstelle würde sich ergeben, dass es den beiden Angeklagten in erster Linie um den medizinischen Betrieb zu tun war. Der Betrieb hätte auch schon vorher mit Verlusten gearbeitet, hieß es. „Bei diesem Sachverhalt kann nach Meinung des Gerichtes rein objektiv von einer Bereicherung kaum die Rede sein.” Stühlinger wurde lediglich wegen seiner Zugehörigkeit zur Österreichischen Legion am 8. 9. 1950 zu 18 Monaten Kerker verurteilt, die „Arisierungs”-Anklage endete in beiden Fällen mit einem Freispruch.

 

1964 kaufte Stühlinger die Semmeringer Hotel-Pension Wallner und baute sie zum „Kurhotel Dr. Stühlinger“ aus. 2013 wurde die Kuranstalt vom ukrainischen Oligarchen-Konsortium gekauft, drei Jahre später war sie pleite. Über die ruhmreiche Vergangenheit ihres Namensgebers schrieb die „Presse“ in ihrem Bericht über die Schließung der Anstalt vom 15. 12. 2016 lediglich: „Der um naturnahe Heilmethoden bemühte Arzt war einer der engsten Mitarbeiter von Franz Xaver Mayr, Erfinder der F.X.-Mayr-Fastenkur.“


Über Vermittlung von Dr. Johannes Koll von der WU Wien konnte ich Hans Schafranek kontaktieren, der mich wissen ließ, „dass der Wiener und der Semmeringer Stühlinger zweifelsfrei identisch seien“. Dr. Koll stellte dann auch noch den Kontakt zu Christian Goldstern her, Enkel des von Stühlinger enteigneten Samuel Goldstern und Sohn von Alexander Goldstern. Dieser meinte dazu: „Es ist überhaupt keine Frage, dass das Etablissement Stühlinger am Semmering mit dem Geld erbaut wurde, das mein Vater Herrn Dr. Stühlinger als „Ablöse für Investitionen“ zahlen musste, um sein „arisiertes“ Sanatorium nach seiner Rückkehr (zuerst KZ, dann Emigration) wieder zurückzubekommen.“


Das Kurhotel war im Jahr 2013 an jene ukrainische Investorengruppe verkauft worden, die schon mehrere andere Semmeringer Hotels gekauft hatten – drei Jahre später ging es pleite und wurde geschlossen. Noch 2014 aber war die Zufahrtsstraße zum Kurhotel zu Ehren seines Gründers „Dr.-Hermann-Stühlinger-Straße“ benannt worden. Diese öffentliche Ehrung erschien mir angesichts der Vergangenheit Stühlingers als skandalös und völlig untragbar.

Ich übermittelte also dem Semmeringer Bürgermeister die Ergebnisse meiner Recherchen und ersuche ihn um eine Stellungnahme, ob er angesichts der schweren Vergehen des Namensgebers die Umbenennung der Straße befürworten würde. Später informierte ich dann auch die Landeshauptfrau und einige Journalisten. Der Bürgermeister, der noch neu in seinem Amt war, reagierte schnell und ließ den Tatbestand von Historikern der NÖ Landesbibliothek in St. Pölten prüfen.


Bald darauf erklärte er gegenüber der Tageszeitung Kurier: „Leider haben sich die Anschuldigungen bewahrheitet. Herr Dr. Stühlinger spielte auch eine Rolle als NSDAP-Arzt. Sein Name wird aus der Straßenbenennung am Semmering verschwinden. Wir haben sofort reagiert und das Straßenschild abmontiert.“


Ich war angenehm überrascht: Nach meinen üblen Erfahrungen mit dem Breitensteiner Bürgermeister hatte ich mich schon auf eine lange und mühsame Auseinandersetzung eingestellt. In einem Punkt konnte ich dem Bürgermeister allerdings nicht recht geben. Er gab gegenüber dem Kurier nämlich auch an: „Es wusste am Semmering niemand von dieser Vergangenheit. Im Gegenteil, Dr. Stühlinger war Zeit seines Lebens sehr angesehen“.


Ich wusste jedoch von Christian Goldstern, dass die beiden Söhne Dr. Stühlingers sehr wohl über die Verbrechen ihres Vaters Bescheid wussten. Der eine hatte deshalb auch mit der Familie gebrochen. Der andere Sohn aber hatte das Kurhotel geerbt und es viele Jahre lang geleitet – und er war auch Vizebürgermeister der Gemeinde Semmering gewesen. Und im Gegensatz zu seinem Bruder scheint er auch eine gewisse Kontinuität gewahrt zu haben. Denn noch im Jahr 2015 fungierte er als Gastgeber für eine Lesung im Kurhotel Stühlinger: Unter dem Titel „Dichter & Denker am Semmering – Sternstunden am Zauberberg“ wurde ein Essay von Gertrud Fussenegger vorgetragen, deren Nazi-Vergangenheit allgemein bekannt war.


Ich hatte bezüglich der Umbenennung darauf hingewiesen, dass am Semmering etwa ein Drittel der Villen „arisiert“ worden waren und es 75 Jahre nach Kriegsende hoch an der Zeit wäre, hier einen Akt des Gedenkens zu setzen. Es würde sich dafür eine Person mit lokalem Bezug aus jenem Drittel der österreichischen Ärzte anbieten, die 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft entrechtet, vertrieben und ermordet worden sind.


Einige Wochen später erhielt ich Besuch vom Semmeringer Bürgermeister und seinem Vize. Auf meiner Veranda führten wir ein ausführliches und – wie mir schien – durchaus aufgeschlossenes Gespräch über die peinliche Angelegenheit und ich wies nochmals darauf hin, dass die Umbenennung dafür genutzt werden sollte, den Auswirkungen des NS-Terrors auf den Semmering zu gedenken.


Doch leider fiel dieser Hinweis nicht auf fruchtbaren Boden und so schrieb ich dem Bürgermeister am 17. 5. 2021 die folgende Mail:


Sehr geehrter Herr Bürgermeister,


seit unserem Gespräch über die geplante Umbenennung der Stühlinger-Straße ist mittlerweile ein halbes Jahr vergangen. Vor fünf Monaten hätte die neue Benennung im Gemeinderat beschlossen werden sollen. Auf meine diesbezügliche Anfrage haben Sie mir mitgeteilt: „Der Tagesordnungspunkt wurde von der Sitzung gestrichen, weil wir noch Erkundigungen und Nachforschungen über die Namensgebung der Straße anstellen.“


Da meine weitere Anfrage vom letzten Monat unbeantwortet geblieben ist, habe ich mich anderweitig über die Gründe dafür erkundigt. Es wurde mir mitgeteilt, dass Sie meine Anregung, die peinliche Tatsache der Straßenbenennung nach einem strafrechtlich verurteilten NS-Verbrecher zum Anlass zu nehmen, einen längst überfälligen Akt des Gedenkens an die Verteibung der jüdischen Bürger der Gemeinde Semmering zu setzen, leider ignoriert haben.


Stattdessen haben Sie die Initiative gesetzt, die Straße nach dem Semmeringer Schisportler Josef Wallner zu benennen. Diese scheiterte daran, dass Herr Wallner nicht nur ebenfalls NSDAP-Mitglied war, sondern dem Vernehmen nach auch wegen Kindesmissbrauchs zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist. Einen Kommentar zu dieser Vorgangsweise erspare ich mir.


Um Ihnen eine weitere Blamage zu ersparen und der Gemeinde Semmering die Chance zu wahren, doch noch eine angemessene Benennung zu vorzunehmen, habe ich nunmehr selbst die Initiative ergriffen und mich an die Historikerin Mag. Ingrid Oberndorfer gewandt, die Spezialistin für Geschichte der Juden in Niederösterreich ist. Ich habe sie um Mithilfe bei der Suche nach einer würdigen Persönlichkeit aus dem großen Kreis der vertriebenen jüdischen Bürger Ihrer Gemeinde gebeten.


Frau Mag. Oberndorfer ist nach kurzer Recherche auf Herrn Dr. Viktor Hecht gestoßen. Dr. Hecht war ein für seine Naturheilverfahren berühmter Alternativmediziner, der lange Zeit das höhenklimatische Sanatorium Hotel Palace geführt hat. Dieses wurde 1912 auch auf „Palace-Sanatorium Dr. Hecht“ umbenannt. Von 1920 bis 1937 führte Dr. Hecht auch das frühere Sanatorium Vecsei im Haidbachgraben, das unter dem Namen „Marienhof“ als erste Wasserheilanstalt am Semmering errichtet wurde.


Dr. Viktor Hecht war Vizepräsident des „Zentralverbandes der Sanatorien Österreichs“ und hat am Semmering mehrere internationale Ärzte- und Therapeuten-Kongresse organisiert. Gemeinsam mit Fritz Benesch verfasste er im Jahr 1928 das vielbeachtete Buch „Der klimatische Höhenkurort und Wintersportplatz Semmering. 2 Stunden von Wien in 1000 Meter Seehöhe“.


Dr. Hecht wurde sofort nach dem „Anschluss“ im März 1938 zur Gänze enteignet, sein Sanatorium wurde Ende März zu einer „Anstalt für politische Schulung von Mitarbeitern der NSB“ (Nationalssozialistische Bewegung). Dr. Hecht konnte sein nacktes Leben retten und gerade noch rechtzeitig nach England flüchten. Daraufhin veranstaltete die NS-Presse eine Rufmord-Kampagne gegen ihn: Unter anderem wurde ihm vorgeworfen, er hätte gestohlen (in seinem eigenen Haus!) und wäre mit dem Geld ins Ausland geflüchtet.


Dr. Viktor Hecht arbeitete bis zu seiner Pensionierung als städtischer Pathologe der englischen Stadt Bradford. Dort ist er im Jahr 1969 im Alter von 86 Jahren gestorben. Die Gemeinde Semmering hat bislang niemals irgendwelche Maßnahmen zu seiner Rehabilitierung und zur Würdigung seiner Verdienste gesetzt. Ich schlage Ihnen daher vor, die von Ihrer Gemeinde nach dem NS-Verbrecher und Großariseur Dr. Hermann Stühlinger benannte Straße nach Dr. Viktor Hecht umzubenennen und ersuche Sie um eine Stellungnahme dazu.


Die Stellungnahme ereilte mich telefonisch, nachdem im „Kurier“ ein Artikel über die Sache erschienen war. Der Bürgermeister war fuchsteufelswild und warf mir Unterstellungen und Unwahrheiten vor: Die Benennung nach dem verurteilten Nazi, der ja ein hochverdienter Sportler gewesen sei, wäre nämlich noch gar keine beschlossene Sache gewesen – man habe sich nur im Vorfeld erkundigt...


Weiters werde es keine Straßenbenennung nach dem vertriebenen jüdischen Arzt Dr. Hecht geben – die Gemeinde wünsche keine jüdische Person als Namensgeber. Es habe schließlich so viele vertriebene Juden gegeben, da wäre es doch unfair, einen Einzigen von ihnen zu ehren. Und überhaupt lasse sich die Gemeinde von außen nichts dreinreden.


Der Historiker und Semmering-Experte Dr. Wolfgang Kos hingegen bezeichnete die von mir vorgeschlagene Straßenbenennung nach Dr. Viktor Hecht als „brillante Idee“ und der international renommierte Historiker Dr. Johannes Koll kommentierte die Vorgangsweise der Gemeinde folgendermaßen:


„Nach meinem Dafürhalten manifestiert sich in dem Verhalten ein anachronistisches Politik- und Geschichtsverständnis: Während in Deutschland und Österreich üblicherweise jedermann Vorschläge für die Benennung von Verkehrsflächen bei der zuständigen Bezirks- oder Gemeindevertretung einreichen kann, sind am Semmering zivilgesellschaftliche Interventionen offensichtlich unerwünscht. Und aus der Ablehnung des wohlbegründeten Vorschlags zu Dr. Hecht spricht eine erschreckende antisemitische Haltung, die geradezu sprachlos macht. Sie ist mit zeitgenössischer Erinnerungskultur und Gedenkpolitik schwer zu vereinbaren.“


Warum sich die Gemeinde Semmering wohl so vehement dagegen gesträubt hat, hier einen längst überfälligen Akt des Gedenkens zu setzen? Vielleicht deshalb, weil sie selbst Nutznießerin zumindest einer Arisierung gewesen ist. Das Objekt ihrer Begierde war die prächtige „Villa Annfried“ samt Liegenschaft mit der Hausnummer 21, die 1938 zu Gunsten des Landes Österreich enteignet worden war. Ihr rechtmäßiger Besitzer war der jüdische Industrielle Fritz Spiegler.


In Spieglers Semmeringer Villa wollte zuerst die Kreisfrauenschaft Neunkirchen eine Mütterschule einrichten – dieses Projekt wurde jedoch abgelehnt. Daraufhin wurde der Semmeringer Bürgermeister Karl Wallner tätig und stellte am 8.11.1939 ein Ansuchen um Übereignung an das Finanzministerium. Begründung: Die vierstöckige Villa Spiegler entspräche im Gegensatz zum zu kleinen und wenig repräsentativen Amtshaus der Gemeinde „voll und ganz den Anforderungen eines würdigen Amtshauses des Weltkurortes Semmering.“


Wegen ihrer „sehr schlechten“ finanziellen Lage forderte die Gemeinde Semmering eine Überlassung der Villa unter dem Schätzpreis. Für Liegenschaften und Villa legte das Finanzministerium am 5.1.1940 einen Kaufpreis von 45 000 Reichsmark fest, für die Einrichtung der Villa hatte das Staatsmobiliendepot einen Schätzwert von 12 160 Reichsmark erhoben. Das Mobiliar wurde schließlich um einen Erlös von 9 978,42 Reichsmark versteigert.


Die Freude der Gemeinde Semmering über ihr neues repräsentatives Amtshaus währte freilich nur wenige Jahre: 1947 stellte Fritz Spiegler, der nach New York emigriert war, über seinen Anwalt Arthur Mayer Rückstellungsanträge betreffend seine Firma wie auch sein Privatvermögen.


Und am 16. 9. 2021 beschloss der Semmeringer Gemeinderat schließlich, die Dr. Hermann Stühlinger-Straße auf den Allerweltsnamen „Welterbeweg“ umzubenennen. Man zog es also vor, sich mit dem Prädikat „Weltkulturerbe“ zu schmücken, anstatt sich endlich mit dem eigenen geschichtlichen Erbe auseinanderzusetzen und klar Stellung zu beziehen.




Quellen:


Hans Schafranek, Andrea Hurton: Die Österreichische Legion und der „Anschluss“ 1938. „Arisierungen“ als Versorgungs- und Karrierestrategien „verdienter Kämpfer“ im politischen Abseits, in: Schwerpunkt Antisemitismus, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Jahrbuch, Wien 2008

Hellmut Butterweck: Nationalsozialisten vor dem Volksgericht Wien – Österreichs Ringen um Gerechtigkeit 1945-1955 in der zeitgenössischen öffentlichen Wahrnehmung, Studien Verlag, Innsbruck 2016


Albert Ottenbacher: Eugenie Goldstern, Mandelbaum Verlag, Wien 1999


 

Reaktionen: KURIER 21.10.2020 Nazi-Vorwurf bestätigt: Kurort ließ Straßenschilder abnehmen Link zum Artikel


 

Richard Weihs ist Autor, Musiker, Kabarettist und Lebenskünstler. Mehr über ihn

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