Die Vier im Bob
- richardweihs
- vor 1 Tag
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Im Februar 1936 fanden in Garmisch-Partenkirchen, dazumal Deutsches Reich, die IV. Olympischen Winterspiele statt. Fünf Monate vorher waren die Nürnberger Rassengesetze „zum Schutze des deutschen Blutes“ eingeführt worden. Zahlreiche im Ort angebrachte Schilder mit Aufschriften wie „Juden kein Zutritt!“ oder „Juden unerwünscht!“ wurden auf Geheiß des NSDAP-Gauleiters Adolf Wagner entfernt – freilich nur für die Dauer der Spiele.
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Mit dabei beim wintersportlichen Wettkampf war auch ein Viererbob aus der damals „Noch nicht - Ostmark“ mit dem stolzen Namen „Österreich 1“. Diese Nummer 1 aus Österreich belegte allerdings nur den 13. und damit letzten Platz. An Bord des Bobs befanden sich jedoch vier Männer, die es schon in naher Zukunft in anderen Disziplinen um einiges weiter bringen sollten.
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Da wäre einmal das Brüderpaar Franz und Rudolf Bednar aus Breitenstein am Semmering zu nennen – die „Imbissstube Bednar“ ist älteren Breitensteinern auch heute noch ein Begriff. Die sportlichen Brüder waren beide stramme Nazis, was sich für sie nach dem „Anschluss“ auch bald bezahlt machen sollte.
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Der junge Parteigenosse Franz Bednar wurde am 5. 5. 1938 von der Reichsstatthalterei in Wien zum kommissarischen Verwalter des Sanatoriums Breitenstein eingesetzt, das der jüdischen Familie Weiss gehörte, deren Mitglieder bald darauf enteignet, vertrieben und in mehreren Fällen auch ermordet wurden. Er konnte seine verantwortungsvolle Verwaltungstätigkeit jedoch nur kurze Zeit ausüben, da er bereits mit Anfang Juni 1938 für höhere Aufgaben bestimmt wurde: Es ereilte ihn die Berufung nach St. Pölten zum Aufbaustab des Reichsarbeitsdienstes.
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Parteigenosse Rudolf Bednar wiederum wurde auf dem Arisierungsweg Besitzer der Breitensteiner Villa Székely, die ihren jüdischen Besitzern enteignet worden war. Er erstand das prächtige Gebäude am 25. 6. 1941 über einen vom Reichsstatthalter in Niederdonau bestellten Treuhänder um äußerst wohlfeile 22.500 Reichsmark. Der Kaufpreis musste auf einem unter der Kontrolle der Überwachungsabteilung der Devisenstelle Wien stehenden Sperrkonto hinterlegt werden.
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Der letzte Punkt des Kaufvertrages lautete: „Vor Fertigung dieses Vertrages erklären die vertragsschließenden Parteien, daß die Verkäufer Juden, der Käufer Reichsbürger deutschen Blutes sei.“ Dieser vom Landrat des Kreises Neunkirchen als „Liegenschaftsverkauf“ deklarierte Raubzug wurde am 8. 5. 1942 von dem mit der „Verwertung jüdischen Vermögens“ betrauten Oberfinanzpräsidenten Berlin genehmigt, freilich unter der Bedingung, „daß der unter der Berücksichtigung der zu übernehmenden Hypotheken verbleibende Barkaufpreis an die Oberfinanzkasse Berlin auf das Konto „Dem Reich verfallende Vermögenswerte“ eingezahlt wird“.
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Die Villa wurde am 18. 2. 1949 restituiert, aber erst, nachdem die Székelys am 23. 11. 1948 einen Vergleich abgeschlossen hatten, in dem Robert Bednar mehrere, später auch grundbücherlich sichergestellte Entschädigungen zugestanden wurden. Kurz nach ihrer Rückstellung verkauften Sophie Székely und ihre Kinder die Villa samt Inventar. Im Kaufvertrag enthalten war auch die Zahlung eines Betrages von tausend Schilling an den späteren Breitensteiner Bürgermeister Rudolf Sagbauer, „als Gebühr für die Verwaltung der Kaufliegenschaft durch die Jahre“. Keiner der vertriebenen Székelys kehrte nach Österreich zurück. Rudolf Bednar hingegen starb im Juli 1993 im Alter von 82 Jahren in Breitenstein.
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Der dritte Mann im Bob war der Semmeringer Malermeister Viktor Wigelbeyer. Wenn dieser auch keine olympische Medaille erringen konnte, so verschaffte er seiner Frau immerhin das Mutterkreuz in Silber (im Volksmund auch „Karnickelkreuz“ genannt), indem er mit ihr sechs Kinder zeugte. Sein Sohn Werner Wigelbeyer wurde ein erfolgreicher ÖVP-Politiker: Er war von 1976 bis 1991 Vizebürgermeister der Stadt Wels und von 1973 bis 1997 Abgeordneter zum oberösterreichischen Landtag.
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Sein Sohn Helmut Wigelbeyer wiederum berichtete in den „Salzburger Nachrichten“ vom 12. 12. 2019 von einer Begegnung seines Vaters mit dem Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl im Jahr 1951 in Wagrain.
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Waggerl war Mitglied in der NS-Tarnorganisation „Bund deutscher Schriftsteller Österreichs“ und später auch der NSDAP, Landesobmann der Reichsschrifttumskammer im NS-Gau Salzburg und Wagrainer NS-Bürgermeister. In geflügelten Worten hatte er damals Adolf Hitlers „befreiende Kraft einer wahrhaft großen Menschlichkeit“ gerühmt. Waggerl überstand den Übergang vom III. Reich zur 2. Republik unbeschadet und wurde von dieser mit zahlreichen Preisen, Ehrungen und Auszeichnungen überhäuft.
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Helmut Wigelbeyer erinnert sich: „Wir wurden von Herrn Waggerl in sein Haus eingeladen, in dem sich die beiden gleichaltrigen Männer köstlich unterhielten. K.H. Waggerl interessierte sich als Sportbegeisterter sofort über [sic!] die Erfolge meines Vaters als Bobfahrer und erinnerte sich sogar an die Winterolympiade 1936 in Garmisch-Patenkirchen [sic!], wo der Vater als Lenker des Bobs „Österreich 1“ mit drei gebrochenen Rippen am Rennen teilgenommen hatte.“
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Helmut Wigelbeyer erzählt dann die folgende Anekdote, die sich bei einem späteren Besuch im Haus des Heimatdichters zugetragen hat: „Ich kenne einige Bücher von Ihnen Herr Waggerl“, sagte ich stolz. „Mein Vater liest uns zu Weihnachten immer Geschichten aus Ihren Büchern vor. Er hat genau so eine tiefe Stimme wie Sie. Er dichtet auch, aber lang nicht so gut wie Sie!“ Daraufhin verfiel der Dichter in lautes Lachen, in das auch seine Frau aus der Küche einstimmte. Etwas, was sie nur sehr selten tat, denn Frau Waggerl war im Ort als eher unzugänglich und kritisch bekannt...
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Nach dieser Exkursion ins Reich der Dichtung zurück in die Welt des Sportes – und damit zum vierten Mann an Bord des Bobs. Sein Sportlername war Johann Baptist Gudenus, mit vollem Namen hieß er jedoch Johann Baptist Theodor Franz de Paula Philipp Maria, Graf von Gudenus, Herr auf Els. Der Herr Graf machte Karriere bei der SA und brachte es immerhin bis zum Obersturmführer. Neben seinen vielfältigen sportlichen Tätigkeiten verfasste Gudenus auch zwei einschlägige Bücher: „Boxen als Gesundheitssport“ (1937) und „Sport ist Kampf“ (1950).
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Seinen Kampf führte Gudenus lange nach dem Ende des III. Reichs weiter, und zwar bis in die nächste Generation: Er verpasste seinem einzigen Sohn vorausblickend eine kernige Erziehung, deren Früchte nicht weit vom braunen Stamm fallen sollten. Johann Baptist Carl Gudenus, bekannt als John Gudenus, Gutsbesitzer, Oberst des österreichischen Bundesheeres sowie langjähriger FPÖ-Abgeordneter im Nationalrat und im Bundesrat.
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Dieses Früchterl der sportlichen Lenden des Altgrafen war ein notorischer Holocaust-Leugner, der 2006 wegen Verstoßes gegen das Verbotsgesetz rechtskräftig zu einem Jahr bedingter Haft verurteilt wurde. Die Geschworenen befanden ihn für schuldig, den nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden in zwei Interviews geleugnet, beziehungsweise „gröblich verharmlost“ zu haben. Den gewalttätigen Neonazi Gottfried Küssel bezeichnete Gudenus als „anständigen Mann, den man leider eingelocht hat“.
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John Gudenus sorgte ebenfalls kräftig für die Zukunft seiner Partei der „Tüchtigen und Anständigen“ vor. Er zeugte vier Söhne, von denen Johann Baptist Bjőrn, bekannt als Johann Gudenus, zu den schönsten Hoffnungen Anlass gab. Schon als Schüler war er unter dem Namen „Wotan“ Mitglied einer schlagenden deutschnationalen Burschenschaft, in sehr jungen Jahren wurde er Generalsekretär des Rings Freiheitlicher Jugend Niederösterreich und war so maßgeblich mitverantwortlich für den rechtsextremen Charakter der FPÖ und ihrer Jugendorganisation.
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In seiner stürmischen Karriere an der Seite seines Mentors Heinz-Christian Strache sammelte er Ämter und Posten am laufenden Band: Unter anderem war er Wiener Vizebürgermeister, Landeshauptmann-Stellvertreter und Stadtrat, Abgeordneter zum Nationalrat und geschäftsführender Klubobmann der FPÖ. Braune und antisemitische Rülpser lieferten die Begleitmusik zu diesem Sturmlauf, bis ihm sein legendärer Auftritt im Ibiza-Video zum Verhängnis wurde und seinen politischen Ambitionen ein jähes Ende bereitete.
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Auch war Gudenus bei mehreren Treffen mit der vermeintlichen Oligarchen-Nichte wiederholt beim mutmaßlichen Kokain-Konsum gefilmt worden. Gegenüber der „Kronen-Zeitung“ räumte er zwar einen möglichen Koks-Konsum ein, bezeichnete die Angelegenheit jedoch nochalant als „Schnee von gestern“. Womit wir zum Schluss wieder bei jenem aus feinen Eiskristallen bestehenden Niederschlag angelangt wären, auf dem im Jahr 1936 vier Männer in einem Bob rasant talwärts fuhren.