Geschichtsträchtige Niedertracht in Niederösterreich

Aktualisiert: 25. Sept 2020




Die kleine Gemeinde Breitenstein war früher einmal viel größer: Damals, als der Semmering noch zu ihr gehörte. Als sich dieser aber zu einem mondänen Kurort entwickelte, spaltete er sich ab – und Breitenstein blieb ein verschlafenes Bauerndorf. Freilich wurden um die vorletzte Jahrhundertwende auch hier repräsentable Landvillen errichtet, wie jene von Alma Mahler-Werfel. Viele dieser Villen befanden sich in jüdischem Besitz.

Meine Großtante Henriette Weiss war eine prominente Persönlichkeit der ersten Republik, die in Wien und Niederösterreich viele soziale Einrichtungen gegründet und betreut hat. Sie kaufte 1903 in Breitenstein zwei nebeneinander liegende Villen und ließ eine davon nach und nach zu einem riesigen Sanatorium ausbauen, das von Menschen aus der ganzen Monarchie frequentiert wurde. Unter ihnen waren auch viele bekannte Personen, wie Karl Seitz oder Walter Benjamin, der in die Familie eingeheiratet hatte.


1938 wurde das Anwesen „arisiert“: In die Villa zog die örtliche NS-Kommandantur ein, das Sanatorium diente der „Kinderlandverschickung“. 1945 verschanzte sich zuerst die SS im Sanatorium, dann waren dort russische Soldaten einquartiert. Beides war der Bausubstanz des Gebäudes nicht gerade dienlich. Die Hauptschäden entstanden allerdings erst nach Abzug der Russen: Das Sanatorium wurde vollständig ausgeplündert, selbst Leitungen und Rohre wurden aus den Wänden gestemmt. Es war schließlich die Zeit des Wiederaufbaus.


Das Anwesen wurde nicht restituiert, da es angeblich in der völlig zerbombten Reichshauptstadt kurz vor dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes von der Deutschen Kriegsblindenstiftung Berlin e. V. um 300 000 Reichsmark käuflich erworben worden war. Und im Besitz gemeinnütziger Vereine stehendes Vermögen war nicht restitutionspflichtig. Mein Vater musste den Besitz 1949 nach seiner Rückkehr aus den USA um 300 000 Schilling für die in der ganzen Welt zerstreute Familie zurückkaufen.


Außer ihm und einem Cousin wollte aber keines der vertriebenen Familienmitglieder wieder zurück nach Österreich. Da meine Großtante zehn Geschwister hatte, war der Besitz hoffnungslos zersplittert und es war unmöglich, zwischen den in Österreich, Deutschland, Frankreich, England, USA und Australien lebenden Kleinstanteil-Besitzern einen Konsens über eine gemeinsame Vorgangsweise herzustellen. So schritt der Verfall des Sanatoriums weiter voran, beschleunigt durch zahlreiche Vandalismus-Akte.

In der danebengelegenen Villa verbrachte ich viele Wochenenden und Ferien meiner Kindheit. Zwar war auch diese schon recht desolat: Die Außenfenster waren gestohlen worden, die Messing-Fenstergriffe abmontiert, der Verputz bröckelte und Wasser musste mittels Kübel aus einem tiefen Brunnen geschöpft werden. Aber dafür entschädigte die idyllische Lage – und abenteuerliche Spiele in den Schützengräben auf dem Gelände.


Es wurde jedoch immer wieder in das abgelegene Haus eingebrochen, Türen eingetreten, Fenster eingeschlagen und Einrichtungsgegenstände entwendet. Anzeigen bei der örtlichen Gendarmerie halfen nichts. Als schließlich sogar die Stromzähler gestohlen wurden, bedeutete dies das Ende der Bewohnbarkeit des Hauses: Meine Familie unternahm daraufhin nur mehr Tagesausflüge zu ihrem ehemaligen Feriendomizil.


Die verfahrene Angelegenheit wieder in Ordnung zu bringen, erwies sich als Lebensaufgabe: Zuerst für meine Mutter – und später für mich. Sie lud die verbliebenen siebzehn Mitbesitzer zu einem Lokalaugenschein ein. Zwar wollten einige von ihnen aus begreiflichen Gründen Österreich nie wieder betreten, andere jedoch kamen, sahen und überschrieben mir, entsetzt über den Zustand des Anwesens, ihren Anteil. Im Jahr 1988 verfügte ich schließlich über die Mehrheit des Besitzes und ließ ich einen Plan zur Revitalisierung des Hauses ausarbeiten. Bei der Bauverhandlung wurde die Genehmigung dazu jedoch von der Zustimmung sämtlicher Miteigentümer abhängig gemacht – diese war aber leider nicht zu erreichen.

Es sollte zwölf Jahre dauern, bis ich nach einem langwierigen Teilungsprozess im Jahr 2000 endlich die Anteile der anderen Mitbesitzer erwerben konnte. Allerdings erfuhr ich am selben Tag bei meinem Besuch im Gemeindeamt zu meiner Überraschung, dass die Baufläche des Hauses im Jahr 1992 auf Grünland umgewidmet worden war: Dadurch hatte der damalige Bürgermeister sein eigenes Grünland auf Bauland umwidmen können. Und um einen Einspruch meinerseits zu verhindern, war ich darüber sicherheitshalber nicht informiert worden.


Es folgte ein zweijähriger Kampf mit der Gemeinde, die mit allen Mitteln versuchte, mich von meinem Vorhaben abzubringen – unter anderem auch durch die rechtswidrige Verhängung eines Bauverbotes. Dieses wurde erst in dritter Instanz vom Land aufgehoben. Mithilfe von Land und Bezirkshauptmannschaft gelang es mir dann auch die Genehmigung zur Renovierung meines Hauses zu bekommen. Nach insgesamt vier Jahren Arbeit und vielen Mühen konnte diese auch erfolgreich abgeschlossen werden.

Nach Abschluss der Arbeiten reichte mein Architekt und Baumeister das Projekt bei einem Landeswettbewerb für besonders gelungene Revitalisierungen ein. Als dazu ein Artikel in der Zeitschrift „NÖ erhalten“ erschien, ereilte mich aus dem Gemeindeamt die Anfrage, ob man diesen wohl in der Gemeindezeitung abdrucken dürfe. Ein ganz erstaunlicher Sinneswandel – ich stimmte mit recht gemischten Gefühlen zu. Die riesige Ruine des Sanatoriums musste ich dennoch auf Betreiben der Gemeinde auf eigene Kosten abreißen lassen.


Der so eingekehrte Friede hielt jedoch nur wenige Jahre – und das kam so: Unterhalb meines Hauses stand früher ein anderes kleines Haus, die sogenannte Wachtl-Villa. Ihr jüdischer Besitzer Karl Wachtl musste 1938 in die USA flüchten, fast alle seiner Angehörigen wurden in den KZs ermordet. Wachtl kehrte nicht mehr nach Österreich zurück und musste sein baufälliges Haus auf Betreiben der Gemeinde auf eigene Kosten abreißen lassen. 1992 wurde die Baufläche (zusammen mit jenen meines Hauses und des Sanatoriums) auf Grünland umgewidmet. Wir erinnern uns – der damalige Bürgermeister…


Ich habe am Gemeindeamt mehrmals wegen des Grundstücks nachgefragt: Stets wurde mir treuherzig versichert, man wisse leider gar nichts – der Besitzer sei verschollen. Eines Tages erfuhr ich jedoch von meinem Nachbarn zu meiner nicht geringen Überraschung, dass die Gemeinde das Grundstück gekauft habe. Im Amt wurde mir sodann fröhlich mitgeteilt, dass Herr Wachtl ja schon im Jahr 1989 verstorben sei und man erst nach langer Suche einen Erben ausfindig machen konnte. Und von diesem habe man das Grundstück jetzt halt gekauft.


Ich begann nachzuforschen und wurde auch fündig: Die Gemeinde hatte wohlweislich verabsäumt, das zuständige Bezirksgericht vom Ableben Carl Wachtls zu verständigen, um die Verlassenschaft nach ihrem Gutdünken aufbereiten zu können. In einem Ping-Pong-Spiel zwischen zwei Notaren, von denen einer vorgeblich die Interessen des Erben vertrat, wurde still und heimlich ein unwiderruflicher Kaufvertrag aufgesetzt, der die Gemeinde in den Besitz des Grundstückes brachte.


Wobei „Kauf“ wohl nicht so ganz der richtige Ausdruck ist: Die Gemeinde hatte dem Erben eingeredet, das Grundstück sei eigentlich gar nichts wert und überdies mit hohen Steuerschulden belastet. Und so verzichtete dieser auf sein schweres Erbe – er hat nicht einen Cent dafür erhalten.


Ich informierte daraufhin Bezirkshauptmannschaft und Land über diesen Coup. Während die BH befand, dass rein rechtlich gesehen eh alles korrekt abgewickelt worden sei, stieß die Gemeindeaufsicht des Landes auf Ungereimtheiten: Obwohl der Steuerakt der Gemeinde plötzlich nicht mehr auffindbar war, konnte festgestellt werden, dass die behauptete Steuerschuld zumindest um mehr als das Doppelte überhöht war.


Die Gemeinde war inzwischen jedoch nicht untätig: Der schöne alte Baumbestand des Grundstücks wurde zur Gänze abgeholzt. Allein der Erlös aus dieser Kahlschlägerung muss die darauf lastende Steuerschuld ganz erheblich überstiegen haben. In einem Schreiben ans Land enthüllte die Gemeinde dann auch ihre Pläne für das Grundstück: Ein Lagerplatz für Strauchschnitt und anderen Biomüll solle errichtet werden.


Die Antwort der Gemeindeaufsicht war unmissverständlich: „Eine Verwendung der Liegenschaft als Lagerplatz für Abfälle ist angesichts der Geschichte des Ortes aus unserer Sicht nicht angezeigt und anstatt dessen sollte eine Aufarbeitung der Ereignisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Breitenstein einschließlich einer entsprechenden Information der Öffentlichkeit (durchaus an Ort und Stelle) stattfinden.“

Auf Nachfrage eines Journalisten der NÖ Krone, der mehrmals über den Fall berichtet hatte, erklärte der Bürgermeister, dass er den Empfehlungen des Landes nachkommen würde. Dem war aber nicht so: Stattdessen wurde das Grundstück mit einem scheußlichen Drahtverhau umzäunt und die Landesregierung von modifizierten Absichten in Kenntnis gesetzt: „Wir haben versprochen, hier keinen Grünschnitt zu lagern, daran werden wir uns auch halten. Wir haben vor, dieses Grundstück in Zukunft als Lagerplatz für Mülltonnen, Schottermaterial, Kanaldeckel etc. zu verwenden. Auch Staudenschnitt für Häckselgut werden wir auf diesem Grundstück zwischenlagern.“

Auch die ursprünglich zugesagte Aufstellung einer Gedenktafel wurde revidiert. Der Bürgermeister begründete dies in seinem Leitartikel in den Gemeindenachrichten so: „Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass dieses Grundstück NIEMALS in der NS-Zeit enteignet wurde. Dazu wurden auch Dokumentationen und Historiker des Bezirks zur Mithilfe aufgefordert, jedoch gibt es in unserer Gemeinde keine Enteignungen jüdischen Eigentums.“


Diese kühne Behauptung konnte mittels einer Expertise des Historikers Dr. Michael John und Recherchen der Israelitischen Kultusgemeinde im Grundbuch leicht widerlegt werden. Ich initiierte dann eine Petition an Landeshauptmann Pröll, die vor allem von zahlreichen AutorenkollegInnen, aber auch von anderen Personen des öffentlichen Lebens unterstützt wurde. Sie alle erhielten daraufhin von einem Funktionär der ÖVP Niederösterreich die beschwichtigende Antwort, es sei nun doch geplant eine Gedenktafel anzubringen.

Völlig ungerührt zeigte sich hingegen der Bürgermeister in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“: Er zeigte sich über die „Verleumdungen“ empört und stellte fest: „Dafür, dass die Eigentümer im Krieg fliehen mussten, sollten wir heute nicht mehr schuldig sein.“ Ihm reiche es inzwischen: Der Müll-Lagerplatz werde gebaut. Und der Gemeinderat beschloss kurz darauf auch die entsprechende Umwidmung.


Mittlerweile hatte aber Frau Dr. Burgl Czeitschner, die derzeit einen Dokumentarfilm über besonders eklatante Nicht-Restituierungsfälle dreht, den Landeshauptmann vor laufender Kamera mit den Aussagen des Breitensteiner Bürgermeisters konfrontiert. Diese kamen bei Dr. Pröll gar nicht gut an und daraufhin wurde der Leiter der NÖ Umweltanwaltschaft als Mediator eingesetzt.


Dieser führte mehrere Gespräche mit mir und dem Bürgermeister, die bei diesem vorerst jedoch zu keinem Sinneswandel führten. Erst eine Vorladung nach St. Pölten zu einem aufklärenden Aussprache mit Vertretern des Landes sollte das Blatt schließlich wenden. In einem abschließenden Gespräch mit dem Mediator einigte ich mich mit dem Bürgermeister auf die folgenden fünf Punkte:

1. Es erfolgt eine Richtigstellung der nachweislich falschen Behauptung in den Breitensteiner Gemeindenachrichten, es habe „in unserer Gemeinde keine Enteignungen jüdischen Eigentums“ gegeben.


2. Der Drahtverhau rund um das Grundstück samt der dazugehörigen Metallsteher und Betonfundamente wird entfernt.


3. Ebenso werden die auf dem Grundstück aufgetürmten Schnittabfälle entfernt. Es soll auch keine weiteren derartigen Ablagerungen geben.


4. Das Grundstück wird keine Verwendung als Deponie für Mülltonnen, Kanaldeckel u. a. finden – es erfolgt eine Rückwidmung von Lagerplatz auf Grünland.


5. Es wird ein Gedenkstein mit einer Tafel aufgestellt.


Hier stand einst das Haus unserer jüdischen Mitbürger Anna und Karl Wachtl.

Sie mussten vor dem Terror des NS-Regimes fliehen – ihre Familie wurde im KZ ermordet.

Das schwere Unrecht, das ihnen und vielen anderen angetan wurde,

soll nie vergessen werden.


Ich möchte mich bei den vielen AutorenkollegInnen, die mich bei diesem jahrelangen Kampf solidarisch unterstützt haben, vielmals bedanken. Es sind auch alle zur Enthüllung des Gedenksteins am 9. September herzlich eingeladen.


Weitere Informationen und Kontakt: 0699 817 83 897 sowie richard.weihs@aon.at


Richard Weihs ist Autor, Musiker, Kabarettist und Lebenskünstler. Mehr über ihn

7 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen