top of page

Das Geheimnis der Lola Bernstein

Lola Bernstein 1971 zu Besuch in Breitenstein am Semmering
Lola Bernstein 1971 zu Besuch in Breitenstein am Semmering

Meine Großcousine Lola Bernstein lernte ich im Alter von 15 Jahren im Sommer 1971 kennen, als sie aus London zu Besuch zu meiner Familie nach Breitenstein am Semmering kam. Sie war eine der drei Töchter meiner Großtante Minna, der Leiterin des Breitensteiner Sanatoriums bis zu seiner brutalen Übernahme durch die SA im März 1938.

 

Über das Schicksal von Lolas Schwester Erna Löw, deren Mann im KZ Auschwitz ermordet wurde und die gemeinsam mit ihrer Tochter Johanna drei Konzentrationslager und einen Todesmarsch überlebt hat, habe ich im Kapitel „Hitlers Hölle“ im ersten Band meines Buches „Zertrümmerte Erinnerung am Semmering“ berichtet.

 

Der Vorname des Besuches aus England inspirierte mich dazu, ihm auf meinem kleinen Kassettenrecorder den vom Radio aufgenommenen Hit der englischen Band „The Kinks“ vorzuspielen: „Lola“. Die gebeugte weißhaarige Dame zeigte darüber allerdings keinerlei Begeisterung, was ich damals auf mangelndes Interesse für progressive Musik zurückführte. Mittlerweile verstehe ich aber den Text des Songs und glaube daher, dass das Missfallen von „Tante“ Lola auch andere Gründe gehabt haben könnte...

 

Sie hatte mir als Geschenk einen einfachen Fotoapparat mitgebracht und bei unserer Wanderung zum Gasthaus Orthof machte ich die ersten Fotos meines Lebens. Ich habe diese Kamera noch immer – und auch die beiden großkarierten Leinendecken, die sie damals mitgebracht hat. Sie liegen jetzt auf den Fauteuils in meinem Breitensteiner Wohnzimmer.

 

Zwei Jahre später verbrachte ich einen Monat im Sommer 1973 in London. Ich wohnte bei Lola in ihrem kleinen Reihenhaus in Kew Gardens, bei dessen Ankauf sie einst von ihrer Cousine Dora Sophie Kellner finanziell unterstützt worden war. Tante Lola kümmerte sich trotz ihres hohen Alters rührend um mich und kochte auch für mich – wenngleich einige ihrer kulinarischen Leistungen (wie etwa eine ziemlich schlazige Haferschleimsuppe) für mich etwas gewöhnungsbedürftig waren.

 

Ich konnte mich für ihre Fürsorge ein wenig dadurch revanchieren, indem ich unter ihrer Anleitung im Garten eines Abbruchhauses einige blühende Pflanzen für ihren Garten ausgrub. Dies führte jedoch zu einem Einsatz der Polizei, die von einer misstrauischen Nachbarin alarmiert worden war. Tante Lola konnte unsere Verhaftung aber erfolgreich verhindern und später ich schickte ihr auf ihren Wunsch einige Zyklamen-Knollen für ihren Garten, die ich in Breitenstein ausgegraben hatte.

 

Ich lernte damals auch Tante Lolas Töchter Ruth, Bessie und Dorrit kennen und auch Bessies mit mir etwa gleichaltrige Tochter Hilary Roome, mit der ich unter anderem den Portobello Market besuchte. Dorrit Forti wohnte später eine Zeit lang bei uns im Wien und ich durfte Mitte der 1980er-Jahre, als ich mit einem zweimonatigen Dramatiker-Stipendium in Birmingham weilte, bei meinen London-Besuchen in ihrer Wohnung übernachten.

 

*

 

Anfang April 2024 erhielt ich folgende Email-Nachricht: „Mein Name ist Georg Hellmayr aus Payerbach bzw. Wien und bin gerade auf Ihr Buch „Zertrümmerte Erinnerung am Semmering“ aufmerksam geworden. Ich bin mit Amos Paran befreundet, einem israelischen Wissenschaftler, der in London lebt und dort in Kontakt mit einer Freundin seiner Mutter, Ruth Hoch (leider schon verstorben) bzw. ihrer Schwester Bessie bzw. Bessies Tochter Hilary ist. Sollten Sie daran interessiert sein, kann ich gerne den Kontakt herstellen. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich dazu etwas beitragen könnte.“

 

Ich schrieb sofort zurück: „Herzlichen Dank - das ist ausgesprochen nett von Ihnen! Ich habe schon lange keinen Kontakt mehr zu meinen Verwandten in England und würde mich über eine Vermittlung sehr freuen.“ Und es klappte prompt: Noch am selben Tag meldete sich Hilary bei mir – und knapp zwei Monate später besuchte sie mich mit ihrem Mann in Wien und in Breitenstein. Ihrer Mutter Bessie, die mit 102 Jahren noch immer geistig rege ist, liest sie nun regelmäßig aus meinem Buch vor.

 

Von Hilary erfuhr ich auch die unglaubliche Geschichte ihrer Großmutter, von der sie selbst erst viele Jahre nach Lolas Ableben erfahren hatte. Denn als sie im Jahr 2018 nach dem Tod ihrer Tante Ruth deren Haushalt auflöste, fiel ihr ein Brief in die Hände, den ein gewisser William R. Perl aus Maryland, USA im Jahr 1989 an Ruth geschrieben hatte. Und diese Geschichte geht so:

 

Lola Bernstein war Assistentin des jüdisch-zionistischen Wiener Rechtsanwaltes Willy Perl, der die illegale Emigration von Juden nach Palästina organisierte, nachdem er in München eine Rede von Adolf Hitler gehört hatte. Zu diesem Zweck nahm Perl 1936 Kontakt mit einem Netzwerk griechischer Schmuggler auf und diese erklärten sich gegen gute Bezahlung dazu bereit, die gefährlichen Fahrten durchzuführen.

 

Trotz zahlreicher Rückschläge und unter der ständigen Gefahr verhaftet zu werden, gelang es Willy Perl und seinen Helfern, ab 1937 zahlreiche Transporte von Juden aus Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Jugoslawien und anderen südeuropäischen Ländern nach Palästina zu organisieren. Vor seiner Wiener Kanzlei bildeten sich bald auffällige und somit verdächtige Warteschlangen von Menschen, die nach Palästina ausreisen wollten.

 

Kurz nach der Annexion Österreichs im März 1938 wurde Perl zu SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann vorgeladen, der ihn mit vorgehaltener Pistole einzuschüchtern versuchte. Perl versuchte vergeblich, den späteren Organisator des millionenfachen Massenmordes davon zu überzeugen, dass die von ihm organisierte jüdische Auswanderung dabei helfen würde, Wien „judenrein“ zu machen. „Wir brauchen keine Verbrecherzentrale in Palästina“, antwortete daraufhin Eichmann, „Die Juden werden atomisiert.“

 

Also mussten Perl und seine Helfer ihre Rettungsaktionen unter dem Decknamen „Af-Al-Pi“ („Trotz Allem“) weiterhin auf eigene Faust durchführen. Für deren Finanzierung benötigten sie britische Pfund, da sich die griechischen Schmuggler nicht in Reichsmark bezahlen lassen wollten. Perl und sein Helfer Mosche Krivoshein reisten also nach Berlin, klopften im Finanzministerium auf gut Glück an die erstbeste Tür und gaben sich als offizielle Vertreter einer Aktion zur „Entjudung“ Wiens aus. Und sie schafften es tatsächlich, 480.000 Deutsche Reichsmark hochoffiziell in 24.000 Britische Pfund umzuwechseln.

 

So konnten sie bis 1940 weiterhin tausende Juden auf heruntergekommenen Frachtschiffen und Segelbooten nach Palästina schmuggeln. Dieses stand damals unter dem Mandat der Briten, die den jüdischen Zuzug stark einschränken wollten. Psychisch belastend für Perl war dabei, dass er nur jüngere und gesunde Menschen für die strapaziösen Überfahrten auswählen konnte. Diese fanden nicht nur unter miserablen hygienischen Bedingungen statt, sondern die Passagiere mussten am Ende der Reise auch nächtens heimlich vom Schiff an Land schwimmen.

 

1940 wurde Perl in Griechenland verhaftet und in einem Zug nach Berlin eskortiert. Um nicht in deutsche Gefangenschaft zu geraten, schnitt er sich kurz vor der jugoslawischen Grenze auf der Zugtoilette die Pulsadern am Handgelenk auf und konnte in der Folge nach Portugal flüchten. Als er dort abermals verhaftet wurde, kontaktierte er Lola Bernstein, die ihm als Inhaberin sowohl der deutschen, als auch der britischen Staatsbürgerschaft aus der Patsche helfen konnte.

 

Nach einem kleinen Umweg über Mosambik gelangte Willy Perl schließlich in die USA, wo er sich freiwillig zur Armee meldete und als Oberstleutnant des Heeresnachrichtendienstes nach Europa zurückkehrte. In Wien fand er nach sieben Jahren der Trennung seine Ehefrau Lore wieder – sie hatte versucht, einen jüdischen Nachbarn zu verstecken und war deswegen von 1942 bis 1944 im KZ Ravensbrück interniert gewesen.

 

Lola Bernstein hat gegenüber ihren Töchtern und Enkeln ihre heldenhafte Tätigkeit an der Seite Willy Perls nie auch nur mit einem Wort erwähnt. Auf deren Frage, wie sie denn die Kriegszeit erlebt hatte, antwortete sie ausweichend, sie habe damals „Menschen geholfen“. Dreizehn Jahre nach Lolas Tod erhielt Ruth in London den Brief von Perl, der lange nach ihrer Adresse gesucht hatte. Und darin schrieb er unter anderem:

 

„Ich weiß nicht, wie viel Euch Eure Mutter über ihre Rolle bei der Befreiung von Juden aus den von Nazi-Deutschland okkupierten Ländern erzählt hat. Wir haben mehr als 40.000 Menschen gerettet und auch wenn keiner der an diesem Unterfangen Beteiligten sich das als seinen alleinigen Verdienst anrechnen kann, so war Eure Mutter doch ein wichtiger Teil der Rettungsaktion. Sie war natürlich eine schwierige Persönlichkeit, aber ihr Beitrag zur Rettung vieler Tausender ist eine historische Tatsache.“


Der Brief von Willy Perl an Ruth Hoch und Bessie Roome
Der Brief von Willy Perl an Ruth Hoch und Bessie Roome

Kommentare


bottom of page