Ein Corona-Märchen

Aktualisiert: 29. Sept 2020




Es war einmal vor langer, langer Zeit ein wunderschönes kleines Land. Es hatte majestätische Berge, klare Seen und Flüsse, fruchtbare Äcker und prachtvolle Dome. Von nah und fern kamen neugierige Menschen aus aller Herren Länder um die Schönheit des Landes zu bewundern. Von seinen gastfreundlichen Einwohnern wurden sie aufs Herzlichste willkommen geheißen und aufs Trefflichste bewirtet.


Uneigennützig und unermüdlich sorgten die wackeren Landsleute für das Wohl ihrer zahlreichen Gäste, servierten ihnen zuvorkommend Speis und Trank und ließen sie des Nachts in ihren weichen Betten schlafen – und das alles für Gottes Lohn. Die begeisterten Gäste bestiegen die hohen Berge und genossen die traumhafte Aussicht, sie erquickten sich badend in den wohltemperierten Seen und Flüssen und besichtigten staunend die mannigfaltigen Kulturschätze aus alten Zeiten.

Wenn die Besucher dann nach einem tränenreichen Abschied wieder in ihre Heimat zurückkehrten, waren sie voll des Lobes für das schöne kleine Land: Sie priesen seine Gastfreundschaft und malten ihren Freunden und Bekannten seine Vorzüge und Schönheiten in den leuchtendsten Farben aus. Und so begab es sich, dass immer mehr und mehr Gäste das Land besuchten und sein Ruhm sich nach und nach auf der ganzen weiten Welt verbreitete.


Eines unglückseligen Tages jedoch geschah etwas Schreckliches: Ein Besucher aus einem fernen Lande erkrankte plötzlich und unerwartet. Hoch fiebernd und schweissgebadet lag er auf seinem Lager darnieder, treulich umsorgt von den bekümmerten Gastgebern, die ihn mit heissen Getränken und kühlenden Wickeln von seiner Krankheit zu heilen trachteten.


Was jedoch niemand ahnen konnte: Der kranke Gast barg tief in seinem Inneren ein winzigkleines Wesen, halb tot und halb lebendig. Dieses wurde von gelehrten Doktoren „Virus“ geheißen, war hoch ansteckend und befiel im Nu alle Menschen in seiner Reichweite. Und so erkrankten bald immer mehr und mehr Landsleute an der tückischen Krankheit; sie husteten heiser, sie röchelten rasselnd und rangen keuchend nach Luft.

Die Kunde vom bösartigen Virus verbreitete sich wie ein Lauffeuer rasend schnell im ganzen Land und alsbald machte sich allerorts blanke Panik breit. Im Handumdrehen verwandelten sich die bis dahin so freundlichen Einwohner vor Angst schlotternd in schroffe Schergen, die sämtliche Gäste – mir nix, dir nix – hinauswarfen. Sodann verriegelten und verrammelten sie ihre Grenzen und ließen fortan niemand mehr herein.

Aber auch untereinander waren die ehedem so liebenswerten Landsleute wie verwandelt. Keiner traute mehr dem anderen: Mit niedergeschlagenen Augen wichen sie einander auf der Straße im großen Bogen aus und zum Schutze vor dem gefährlichen Virus verbargen sie ihre Gesichter hinter hässlichen Masken. All das, was ihnen bisher Freude bereitet hatte, wurde in Bausch und Bogen verboten: Ob Konzerte, Theater, Sport und Spiel – alles war samt und sonders strengstens untersagt.

Monatelang igelten sich die Leute zu Hause ein, keiner besuchte mehr den anderen und man verließ das Haus nur mehr kurz um das Allernötigste zu besorgen. Auch die Kinder mussten daheim bleiben: Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, die schönen Parkanlagen lagen still und leer hinter versperrten Gittertoren und weit und breit war kein fröhliches Kinderlachen mehr zu vernehmen.

So lag das kleine Land wie verhext von einem fürchterlichen Fluche traurig darnieder. Die Tage waren einer wie der andere und vergingen wie im Fluge, die Monate kamen und gingen fast unbemerkt. Und je mehr Zeit verstrich, desto weniger konnten sich die Menschen daran erinnern, wie ihr Leben einstens gewesen war, bevor das teuflische Virus über sie gekommen war und aller Freude und Leichtigkeit den Garaus gemacht hatte.


Und so dachten die braven Landsleute schließlich, dass sie jene ferne Zeit nur geträumt hätten und dass es in Wirklichkeit ohnedies schon immer so gewesen war wie jetzt. Erfüllt von Angst und Schrecken misstrauten sie mit versteinertem Herzen allem und jedem – und am liebsten hätten sie sich tief in einem unzugänglichen Schneckenhaus aus unzerstörbarem Stahlbeton verkrochen.

Viele von ihnen gerieten an langen einsamen Abenden ins Grübeln und es war ihnen, als hätte das Virus schon lange, lange Zeit in ihrem Inneren geschlummert, unbemerkt zwar, aber doch stets dazu bereit, sie selbst und alle um sie herum zu befallen und ihnen jede Freude am Leben gründlich zu vergällen.


So sannen sie trüben Sinnes nach und kamen und kamen doch zu keinem Ende. Und trostlos frugen sie sich mit hoffnungsleerem Gemüt, ob das heimtückische Virus sie wohl eines Tages wieder verlassen würde – oder ob sie für alle Zeit leidvoll unter ihm schmachten müssten. Ja, und wenn sie nicht daran gestorben sind, dann grübeln sie noch heute.

Richard Weihs ist Autor, Musiker, Kabarettist und Lebenskünstler. Mehr über ihn

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